Supergau verhindert

So nun habe ich es geschafft, den Supergau konnte ich gerade noch verhindern und die angekündigte Kliniksprengung bleibt nun aus. Heute bin ich mit den korrekten Werten aus der Uniklinik entlassen worden. Die Schwester konnte das Gejammere wohl auch schon nicht mehr hören, außerdem wartete schon die nächste Patientin. Also im Großen und Ganzen habe ich die Therapie ganz gut hinbekommen . Von Mittwoch letzter Woche bis Dienstag, das ist bei der großen Menge radioaktiven Jods, die ich eingenommen  habe, schon eine gute Leistung.

Und tatsächlich ist das Unangenehmste wirklich nur die Isolation. Dafür bekommt man aber einen besonderen Service. Den Schwestern ist diese außergewöhnliche Situation sehr bewusst und sie sind alle sehr  zuvorkommend. Das war  wie eine Behandlung erster Klasse obwohl ich ganz normal versichert bin. Die Station in der nuklearmedizinischen Abteilung der Uniklinik Göttingen hat nur wenige Zimmer und bis zu 7 Betten.

Ein bisschen habe ich die Ruhe auch genossen und es ist ein irgenwie wie im Fasten. Man tritt in eine andere langsame Welt, kommt zu sich beim Lesen und horscht achtsam in sich hinein. So fühle ich mich ruhig und gut erholt. Hoffentlich wird mit der Schilddrüse nun alles gut. Die Zersetzung des Knotens ist ein langsamer Prozess, der bis zu einem halben Jahr dauert und dann werden wir sehen, ob das Ding dann einigermaßen normal arbeitet oder in eine Unterfunktion abdriftet. Dann muss ich regelmäßig das Schilddrüsenhormon als Medikament einnehmen. Aber vielleicht schafft das meine Drüse ja auch alleine, bei mir weiß man ja nie und ich hoffe. Jetzt muss ich noch ein bisschen zu Hause abstrahlen und dann geht es ganz normal weiter.

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Dann sprenge ich das Klinikum

Nun bin ich bei Tag 5 mit meiner Therapie gelandet. Vorgestern ging es mir mal nicht so gut, die Drüse hatte sich entzündet und ich bekomme nun Cortison. Die erfreuliche Nebenwirkung, auch meine Rückenschmerzen sind verschwunden. Gerade hat mich die Schwester gemessen. 5,9 lautet der neue Wert. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Das sieht dann wohl eher so aus als würde ich doch erst Mittwoch entlassen. Gestern hatte ich mehr abgebaut und schon auf die Entlassung am Dienstag gehofft. Die aktuellen Werte sind unter den Patienten dann auch immer Tagesgespräch. Zur Erinnerung bei 3,5 Becquerel darf man die Station verlassen. Das Zeug baut sich jeden Tag teils individuell und je nach Krankheit ab.

Bei den Gesprächen auf dem Flur – abends haben wir ja ne Stunde Freigang – versucht man sich zu übertrumpfen. “ Ich habe nun schon 4,3 morgen darf ich nach Hause“, brüstet sich der Rentner , während er seine Füße, die in blauen Plastiktüten stecken, um nichts von der Radioaktivität auf dem Fußboden zu hinterlassen, stolz voreinander setzt. Die ältere Dame merkt an, dass die Ärztin sie lobte, weil sie das Zeug so schnell abbaut. Der ehemalige Postbeamte mault. “ Bei mir stockt es gerade, das Wochenende geht bestimmt noch drauf“, sagt er und schlappt mit gesenktem Haupt weiter. Konkurrenz und Wettbewerb hören selbst im Alter und im Krankenhaus nicht auf, denke ich.

Ich male mir aus was ich bei der nächsten Visite sage. Wenn der Professor wieder einen Witz mit mir macht wie vorgestern, als er scherzhaft sagte, ich sei schon bei 4 und ich dann doch erst noch ne 9 vor dem Komma hatte, dann fahr ich scharfe Geschütze auf.
„Lieber Herr Professor, wenn ich nicht bald hier rauskomme, befürchte ich das Schlimmste“, werde ich ihm sagen. „Es könnte sein, dass ich hier im abgeschirmten Keller mit einem lauten Knall explodiere und dann sprenge ich das gesamte Klinikum.“

Es ist ein bisschen wie im Knast

6. Oktober
Seit gestern bin ich in der nuklearmedizinischen Abteilung der Uniklinik in Göttingen zu „Gast“. Das trifft es nur bedingt, ich bekomme eine Radiojodtherapie, die meinem wuchernden Knoten in der Schilddrüse den Garaus machen soll. Nach der Untersuchung bekam ich eine Kapsel mit Radioaktivität versetztem Jod und das war im Prinzip die Therapie.

Nun sitze ich hier putzmunter auf 20 Quadratmetern und warte bis sich die Radioaktivität abgebaut hat, weil sifür mich heilsam für andere aber eher eine Gefahr ist. Das kann dauern. Angeblich muss ich neun Tage nahezu isoliert verbringen. Keine schöne Vorstellung. Das Zimmer ist groß man schaut vom Bett aus in den Garten, eine von Pflanzen umrankte Betonmauer. Hinter dem Bett steht eine Bleiwand, zum Schutz fürs Personal. Die Schwestern kommen und bringen die Mahlzeiten, halten sich auf zwei Meter Abstand. Ein kleiner Plausch hier und da, es bleibt nicht viel Zeit, auch sie müssen sich schützen und sind vorsichtig. Obwohl alle sehr nett sind und auch das Zimmer schön hell ist, fühle ich mich doch ein wenig eingesperrt. Ich kann den Raum nur zum Messen meiner radioaktiven  Werte verlassen. Der Höhepunkt für heute. Ich darf mit den anderen „Insassen“ mal eine kleine Runde in den Flur, um die Beine zu vertreten.
Abwechselnd lese ich, surfe im Netz ( leider funktioniert mein i-Pad nur sehr eingeschränkt) ) meditiere oder stelle den Fernseher an. Das ist alles ein bisschen hektisch und ich merke, wie ich das „Gefangensein“ kompensieren will, indem mir ständig etwas anderes einfällt und ich von ein Buch zum nächsten, einer Zeitschrift zur anderen, dem Laptop und wieder zum Kopfhörer greife.

So richtig kann ich mein „Retreat“ nun doch noch nicht genießen. Mal nichts machen, wie oft wünscht man sich das und dazu noch ohne schlechtes Gewissen, weil man gar keine andere Chance hat. Das klingt toll, ist aber gar nicht so einfach. Ich hoffe, dass ich mich  in den nächsten Tagen darauf noch weiter einlassen kann und meine „Meditation“  mehr wird  als das Gefühl ein bisschen im Knast zu sein.