Märchen: eindeutig zweideutig

Erotische Märchennacht: Mein Gott was soll das sein, denke ich als mich die Redakteurin um Besetzung des Termins bittet. Mein Hirn rattert los und die Fantasie schlägt Alarm. Ich lache und male mir die wildesten Dinge aus. Was mir da wieder begegnet, ist wirklich witzig. Die Kasseler Schauspielerin Andrea C. Ortolano hat das Thema in ihr Programm aufgenommen. In feenhaften Kostümen trägt sie zwischen den Gängen erotische Märchen vor, bezieht das Publikum mit ein und erntet einen Lacher nach dem anderen. Das Ganze ist anspruchsvoll, einfach nett, dezent frivol und eindeutig zweideutig. Dazu gab es vom Verkehrsverein Frielendorf und den Gastronomen im Ort im schwarz-roten Ambiente Liebesknochen und wolllüstes Wildschwein oder scharfes Putencurry – sehr appetitlich. Ach so, hier geht es zum Artikel.

Andrea C. Ortolano und Julia als Dornröschen

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Erkenntnis

Ich habe mich immer gefragt, warum ich Angst erst kennen lernte, als meine Kinder geboren waren. Vorher hatte ich mich nie als besonders furchtsam erlebt.

Jetzt lese ich einen Satz, der das schön zusammenfasst und den ich gut nachvollziehen kann.

„Solange ich schwanger war, dachte  ich immerzu, dass ich meinen Körper wieder für mich haben wollte. Doch sobald ich mein Kind zur Welt gebracht hatte, erkannte ich, dass der wichtigste Teil von mir sich jetzt außerhalb meines Körpers befand, allen möglichen Gefahren ausgesetzt war und mir wieder abhanden kommen könnte“.   Jodi Piccoult  „Die Wahrheit  meines Vaters“ S. 16.

Mittlerweile sind die Kinder groß und diese wichtigsten Teile entfernen sich immer mehr von mir. Es gilt nun sie ziehen zu lassen, sie los zulassen, damit sie sich transformieren und zu etwas anderem völlig  Neuem werden. Jeder  meiner zwei Teile tut das auf seine Weise, experimentiert, verbindet sich mit anderen und entwickelt sich.  Nur im Vertrauen und Loslassen geht die Angst.

Liebe geht vor Angst und Terror

Auch ich finde Mario Sixtus Aktion zum Umgang mit den Terrorwarnungen gut. „Wir haben keine Angst“.

Dazu fiel mir ganz spontan das Bild der Schrei von Edvard Munch ein, für mich die Verkörperung  der Angst. Ich suchte es im Netz und habe eine Collage gemacht in Verbindung mit einem weiteren Werk des Künstlers, die Madonna. Sie steht für Munchs zweifelhaften Beziehungen zu Frauen, aber auch für die Lust und Liebe, ich reduziere das auf Lebenslust.  Daher habe ich im Hintergrund die Farben aus dem Bild Schrei eingebaut.

Die Botschaft: Wir lassen uns das Leben nicht von der Angst vermiesen. Warum kommen die Warnungen gerade in der Zeit vor Weihnachten, der Zeit der Liebe und der Familie, des Zusammenkommens. Warum sollen Weihnachtsmärkte das Ziel des Terrors sein. Da wird versucht die Angst in die Zeit der Liebe zu bringen und die Nation zu  verunsichern. Nein danke.

Es fehlt die Liebe

Es gibt Menschen, die haben etwas gegen andere, ohne dass diese anderen etwas gegen sie haben. Es gibt den Unwillen von Menschen gegen andere. Sie finden etwas, was ihnen an anderen nicht gefällt. Dadurch, dass sie andere verurteilen, sind sie unwillkürlich besser als die, die sie verurteilen. Mit jedem Verurteilungsakt werden sie größer, besser, vielleicht sogar berühmter.

Ich darf jetzt nicht sagen, sei verurteilen andere, machen andere herunter, um selber besser und größer dazustehen. Dass sie durch das Runtermachen anderer sich selber deutlicher werden, das ist klar. Aber dass sie andere heruntermachen, um selber besser dazustehen, darf man nicht sagen. Sie haben jeweils andere Gründe, andere herunterzumachen. Sie sagen laut genug, warum sie andere heruntermachen. Gibt es eine Ursache für dieses Alles herunter machen? Es gibt eine Vermutung. Es fehlt die Liebe.

Ich wage zu vermuten: Wo Liebe fehlt, springt Hass ein.

„Die Heruntermacher bersten vor Gründen. Lieben braucht keinen Grund. Lieben, bevor wir geliebt werden!“

Auszug aus Martin Walsers Roman Muttersohn, der im kommenden Jahr erscheinen soll.

Ein größerer Auszug ist im Focus vom 4. Oktober 2010 zu lesen.

Witzig ein paar Seiten zuvor gab es eine Interview mit dem Literturkritiker Marcel Reich-Ranicki- Überschrift: Ich habe geärgert… putzig…..

Der rote Tiger

Max tischt auf

Wir haben eine Katze – nein eigentlich nicht. Das Tier gehört den Nachbarn. Ein kleiner rotbraun getigerter Kater namens Max besucht uns seit einem guten halben Jahr auf unserem Grundstück  und lässt es sich dort gut gehen. Er rast die Bäume hinauf, schleicht wie ein Tiger durchs Gras und tobt sich auf unserem großen und teilweise etwas wilden Garten aus. Hohe Bäume, dichte Hecken, verwinkelte Ecken und ein alter etwas vergammelter Strandkorb haben es ihm angetan.

Ich hänge Wäsche auf und höre ein Mauzen hinter mir. Hallo Max antwortete ich. Er kreist um meine Beine, streichelt dabei meine Waden, schmeißt sich auf den Rücken und fordert zum Bauchkraulen auf.  Eigentlich bin ich ja kein Katzenliebhaber, aber der kleine Kerl schleicht sich mit seiner charmanten Art in mein Herz. Das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen.

Neulich sitzen wir auf der Terrasse und Max kommt um die Ecke, würdigt uns aber keines Blickes, geschweige denn, dass er auf unser Rufen hört. Stolz wie ein Schwan mit  erhobenem Haupt steuert er geradewegs auf die Wiese. Ich denke schon, der hat doch etwas vor. Nachmittags sehe ich das Resultat. Vor der Haustür liegt ein totes Mäuschen. Appetitlich ist das nicht, aber ich fand diesen  Liebesbeweis trotzdem süß. Allerdings scheint seine Liebe zu mir beständig zu wachsen. Die Beweise säumen seitdem unseren Garten.

Nachtrag: Meine Nachbarn bekommen diese Geschenke übrigens nicht. Naja…. dann muss ich eben alle paar Tage auf meiner  Terrasse die „Liebesbeweise“ einsammeln und entsorgen…..

Traumstadt Buenos Aires

Buenos Aires – die Leidenschaftliche

Ich habe gestern eine neue Liebe entdeckt- Buenos Aires. Die Reportage im ZDF über die Stadt des Tango, auch genannt das Paris Südamerikas, war mitreißend – und vielversprechend.

Die  Facetten der Stadt wurden an den Porträts  völlig unterschiedlicher Menschen aufgereiht. Die  Reportage zeigt  Gegensätze pur:  polospielende Superreiche und eine Mutter, die ihre sieben Kinder auf der Straße durchbringt. Er lebt seine Träume – sie hat keine mehr – sagt sie.

Ein Traum ist Buenos Aires auch  für die Tangotänzerin Susanne Lorenz aus Hamburg, die dort ihre Wahlheimat gefunden hat. Sie lebt  ihre Liebe und die Leidenschaft  im Tanz. Wunderschöne Bilder einer wilden, schönen Stadt- mit facettenreichen Gegensätzen fasziniert in der Reportage.

Ein Textauszug: Die Stadt ist wie die Ureinwohner – genannt  Porteños. Sie sind neurotisch, intelligent, schön, leidenschaftlich und haben einen Hang zur Melancholie. Der Porteno kennt die Realität, kommt aber  nicht immer mit ihr zurecht. Dabei  ist er zutiefst sensibel und tanzt sich im Tango aus ihr heraus.

Herrlich.

Unkonventionelle Erziehung

David Gilmour

Unser allerbestes Jahr

Es ist eine Hommage an die Liebe zwischen Vater und Sohn, an das Verständnis zwischen den Generationen und die vielen unerklärlichen Dinge im Leben, die wir immer wieder neu  verstehen wollen.

Jesse, 16, typisch Pubertät, hat fest vor,  die Schule zu schmeißen und macht ernst.  Sein Vater, der Schriftsteller David Gilmour, will  Fehler in der Erziehung wieder gut machen. Er lebt in einer neuen Beziehung und zieht für ein Jahr wieder zu seinem Sohn. Er fasst einen unkonventionellen Entschluss. Der Junge darf machen, was er will. Bedingung, die zwei schauen sich regelmäßig Filme an. Sohnemann lässt sich auf das Abenteuer ein.

Der Vater schrieb früher Filmkritiken und will mit den bewegten Bildern den Sprössling fürs Leben interessieren. Eine Odysee durch die Filmgeschichte beginnt.   12 Uhr mittags oder Shinning:  Gary Cooper oder  Jack Nickolsen, interessante Filmkritiken und Sichtweisen auf Filme, die wir alle gesehen haben, fesseln

James Deans berühmte Szene in Giganten macht Furore.  Gilmour erklärt, wie er mit absolutem Nichtstun zum größten Idol seiner Zeit wurde. Das scheint in diesem Moment fast wie ein Vergleich.

Das absolute Vertrauen in sich, seinen Sohn und die Richtigkeit dieses Tuns überrascht. Mit diesem Vertrauen und mit der unbändigen Liebe, die zwischen den Zeilen steckt, bewältigt er die Krise.  Man fühlt  in seiner  Angst um den Jungen, der in einer Szene auf Kuba in eine Bar verschleppt wird, die Kraft der Verbundenheit. In dieser Szene kämpft er um sein Kind, begibt sich in Gefahr, wie er es mit dem zunächst seltsamen Vorhaben ebenso tut. Die Zwei wachsen zusammen, bauen eine Beziehung auf und am Ende führen  die Weisheiten von Film und Vater den Jungen in die Realität zurück.

Ein sehr intelligenter Roman, der mit klugen Sätzen und Lebensweisheiten daher kommt. „ Menschen vor denen man Angst hat, hasst man irgendwann einmal“.  An einigen Passagen triftet die Geschichte ein wenig  ins Kitschige ab. Doch die gut gemachten Filmkritiken retten die Geschichte  dann gleich wieder.

Das Buch basiert auf einer wahren Begebenheit. Gilmour schrieb die eigene Geschichte mit seinem Sohn auf. Der Schriftsteller ist gleichzeitig Film- Kritiker.

David Gilmour: „Unser allerbestes Jahr“. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009. 254 S., geb., 18,95 [Euro]

„eine weise, lebensbejahende Studie über das Erwachsenwerden“ Andreas Schröder in Literaturwelt Das Blog