Glück gehabt

Als ich gestern Morgen durch den Märzschnee im Knüll fuhr, musste ich an eine Fahrt vor 25 Jahren denken. Ich wollte mein Hochzeitskleid in Kassel holen und stieg in das alte VW Käfer Cabrio meiner Mutter ein. Es war auch ein Märzmorgen. Der Frühling hatte sich noch nicht durchgesetzt und ein letzter Winterschnee rieselte auf die Straße. Meine Mutter rief mir noch zu. Fahr vorsichtig, es schneit. Was die nur immer will, dachte ich aufmüpfig, schaute dann aber doch auf meinen Bauch herunter. Lang würde es nicht mehr dauern, dann sieht man es. Ich war im dritten Monat schwanger.

Auf der Fahrt schneite es immer mehr. Ich steuerte das globige Gefährt über die Landstraße und dachte an die bevorstehende Zeremonie. Dann klebten die  Flocken an der Frontscheibe fest, das Gebläse in dem ollen Käfer funktionierte mal wieder nicht und die Sicht war mehr als mies. Gerade als ich auf der langen Gefällstrecke kurz vor Kassel war, wischte ich eifrig am Fenster rum.  Da kam der Wagen ins Schleudern. Das Auto rutschte auf der schneeglatten Straße und schlitterte auf die andere Straßenseite. Von unten kam mir ein Tank-Lastwagen mit eiliger Lichthupe entgegen.  Für kurze Zeit sah ich die Hochzeit platzen und mich wenigstens im Krankenhaus liegen. „Oh Gott, das Kind“, dachte ich nur.

Irgendwie reagierte ich automatisch, machte Stotterbremse, riss das Lenkrad rum, werkelte irgendwas mit der Handbremse und landete im Straßengraben. Der Lastwagenfahrer hupte lang, als er an mir vorbei fuhr.  Das hätte auch echt schief gehen können. Mein Herz schlug bis zum Hals. Trotzdem wollte ich mir das alles doch davon nicht kaputt machen lassen und mein Kleid holen. Ich erinnerte mich an die Tankstelle im nächsten Ort und lief dort hin. Der Tankstellenwärter zog das Auto aus dem Graben, es war nur ein kleiner Kratzer dran. Ich stieg ein, setzte meine Fahrt fort und stand wenige Zeit später im Geschäft vor dem Spiegel und probierte das geänderte Kleid an.  Mit dem Hochzeitskleid kam ich dann freudestrahlend nach Hause. Auch nach der langen Zeit denke ich oft daran, was für ein Glück ich damals hatte.

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Der Mensch ist eine Spaßnatur

Was macht uns glücklich? Ist Glück für jeden gleich? Wir haben alles und sind dennoch nicht glücklich, ist das der Grund?  Ist Wohlstand wichtig für das Wohlbefinden? Über Zufriedenheit in Zeiten des zwanghaften Optimismus diskutierte Dieter Moor. In der Sendung im Palais am Samstag 18. September auf rbb.

Rumliegen und Faulenzen bei Sonne und Schampus macht nicht glücklich, die Glücksschaltung im Gehirn braucht Impulse, sagt der Wissenschaftsforscher Stefan Klein. Das erklärt er in einem absolut sehenswertem  Video auf seiner Internetseite.  Äußere Umstände haben wenig Einfluss auf das Glücksgefühl, sagt er. Blick ändern, Wahrnehmung schulen, Hedonismus, Liebe und Sex machen glücklich. Und ein Glückstagebuch führen, das schult die Erinnerung. Und immer schön üben.  Der Mensch ist eigentlich eine Spaßnatur.

Die Definitionen von Glück scheinen jedenfalls sehr unterschiedlich zu sein. Der  querschnittsgelähmte Sportler Ronny Ziesmer war glücklich sportliche Ziele erreichen zu können. Nach seinem Unfall wurde er querschnittsgelähmt. Sein Glück, das in einem Land mit einer guten Absicherung sein zu können. In Rumänien möchte er sich dieses Schicksal nicht vorstellen. Das andere Glück: eine Familie zu haben, die ihn auffängt. Das macht für ihn das Leben nun so lebenswert, das er nun ein großes Projekt plant: er will ein neuronales Forschungszentrum gründen und nimmt mit seinem Rollstuhl an Marathons teil.

Für Katharina Ohana (Psychologin und Autorin (Gestatten: Ich. Die Entdeckung des Selbstbewusstseins), ist Glück auch Forschung. Sie hat ihre Kindheit in Therapien aufgearbeitet, sich aus den Fesseln der depressiven Mutter befreit und definiert Glück eher als eine Frage der Sichtweise. Und Leid gehört zum Glück auch dazu, ohne Leid kein Glück.

Der Publizist Joachim Gauck  meint, wir hätten alles, viele seien zu verwöhnt. Die Menschheit wäre süchtig nach Glück. Das ist die große Lebensfrage unserer Zeit. Eine Möglichkeit Glück zu erreichen, sei es, sich Ziele stecken. Das müsse gerade die Jugend wieder lernen. Sie sollten nicht alles bekommen. Um so später über Zielerreichung nach Glück streben zu können.

Das wiederum bejahte die Psychologin so nicht. Auch der schwarze Gürtel im Judo konnte sie nicht glücklich machen, Glück sei vor allem eine Frage des guten Umgangs mit sich selbst. Sie meint glücklich sein, lasse sich lernen. Glück als Einstellungssache. Das kann ein Trost sein in diesen Tagen, wo sich die Welt so schnell verändert und die Menschen verunsichert.

Ist es nicht auch manchmal nervig, ewig glücklich sein zu müssen. Nahezu zwanghaft wird ein Optimismus betrieben, das macht mich ganz unglücklich. Haben unglückliche Menschen keinen Platz mehr in einer Gesellschaft, die die Glückssuche wie eine Ersatzreligion praktiziert?