Wo ist die Vuvuzela ?

Am Sonntag beginnt die Frauenfußball WM und ich bin gespalten.  Als Frau bin ich total sauer, dass die ganze Nation vorm Fernseher hängt, wenn die Männer Fußball spielen, aber die Einschaltquoten bei der Frauen WM immer unendlich viel niedriger sind. Sind wir denn immer noch nichts wert, meldet sich meine emanzipatorische Seite. Frauen sind in den Führungspositionen unterrepräsentiert und werden auch im Fußball nicht ganz ernst genommen. Dagegen mutierten sie vor zwei Jahren haufenweise zu biertrinkenden Fans, die mit schwarz-rot-goldenen Outfits vor der Glotze hockten und zusahen wie  Jürgi Löw die Jungs im blauen Gewinnerpullunder zum dritten Platz führte. Und das nicht nur wegen des Pullovers. Die Begeisterung schwappte über, man verband sich beim Bibbern mit den Fußballern und freute sich auf jedes weitere Spiel. Trotz allem mache ich mir ernsthaft Gedanken, ob ich am Sonntag tatsächlich den Fernseher fürs Eröffnungsspiel einschalten will. Wenn ich nachspüre, habe ich keine große Lust dazu, ich mag nämlich eigentlich immer noch  keinen Fußball, sondern lese lieber oder schaue Kultursendungen. Meine Kampfeslust sagt mir, wir machen es einfach wie vor zwei Jahren und treffen uns reihum,  gucken und grillen. Ich muss mal schauen, ob ich die Vuvuzela noch finde. Das wäre doch mal was.

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Sieg adé

Papa mach, dass wir gewinnen….

Am Tag danach fühle ich mich ein wenig wie im Taumel, unsere Junges haben gegen Spanien verloren. Eigentlich kein Unglück, die Spanier waren besser. Aber schade ist es trotzdem, die deutschen Jungfußballer hatten wirklich eine gute WM gespielt.  Mittlerweile hatte mich diese  Euphorie auch gepackt, ich hatte schon damit gerechnet am Sonntag wieder den Grill anzuschmeißen und eine Menge Leute auf der Terrasse zu bewirten. Ich fühle mich richtig ein wenig traurig.

Heute fahren die Menschen nicht mehr lustig durch die Gegend mit bunten Fähnchen an den Autos und einem breiten Grinsen im Gesicht. Die Stimmung scheint nicht nur bei mir unten zu sein, überall hängen die Münder und blicken die Augen nach unten. Fast eine ganze Nation jubelt und weint – wegen Fußball.

Wir  haben dieses Mal wieder alles gegeben, haben die Plätze getauscht, jeder hat mal in die Tröte gepustet – nur damit unsere Jungs noch ein Tor machen. Nichts hat was genutzt. Irgendwann kam eine SMS meiner Tochter. „Papa, mach dass wir gewinnen……“. Auch er hat alles gezeigt, seinen Makarapa aufgesetzt, anderen auf den Kopf getan, ihn auf den Fernseher gelegt…. selbst das konnte das Unausweichliche nicht verhindern.  Der Fußball-Hut meines Mannes liegt heute mutterseelenallein auf dem Kamin- die Bildchen sind schon langsam verblast.

Keiner denkt so richtig an Samstag, da müssen wir doch noch um den dritten Platz spielen. Das ist wie vor vier Jahren und doch ist es irgendwie anders. „Die Jungs waren dieses Mal besser und trotzdem hat es nicht gereicht, so ist Fußball, das ist wie im richtigen Leben“, sagt mein Cousin am See. Der gute Freund schiebt eine Schnute: „Wir putzen Uruguay am Samstag weg, ich muss mich um meinen kranken  Vater kümmern.“   Die Frau meines Cousins kämpft: „Mensch, dass die überhaupt so weit gekommen sind, hätte doch keiner gedacht. Super. Toll.“ Langsam krabbeln wir aus dem Loch. „Das Spiel um den dritten Platz wird bestimmt spitze“, meint meine Mutter. Ich überlege: Samstags kann man bestimmt auch gut grillen.

Entzugserscheinungen

Heute kein Fußball

Eigentlich vermisse es ja nicht wirklich, ich meine das Fußballspiel heute Abend. Ich schaue ja nur die wirklich wichtigen Spiele. Das sind die unserer Jungs und die sind ja erst am Samstag wieder dran. Seit dem 4:1 gegen England brenne sogar ich auf die nächste Runde. Wohlgemerkt am Samstag. Ich lehne schon einmal kategorisch alle Termine ab, die mir irgendwie in die Quere kommen könnten.

Wir sind wieder dran. Die Freunde kommen zum Spiel und anschließendem Grillen zu uns. Gerade stürzt mein Mustermann (MM) kurz ins Haus und zieht sich eine Shorts an, auch im Büro ist es brüllend heiß. Nebenbei bemerkt er nur: Schade,  heute Abend ist ja gar kein Fußball.

Die  Titelseite der Zeitung ist voll damit. Zwei Tage WM Pause. Im Radio lief schon ein Special: Kann die WM süchtig machen? Ein Psychologe erklärte etwas zu Entzugserscheinungen.  Unruhe, Konzentrationsprobleme, alles Folgen wenn das Suchtmittel fehlt. Und das soll passieren, wenn es einmal zwei Tage kein Spiel zu schauen gibt? Ich bin sprachlos. Okay, etwas gestresst wirkte mein Mustermann eben, aber ich denke, es lag eher daran, dass er gerade einen kniffeligen Geschäftstermin hatte und heute schon 500 Kilometer über die Autobahn gerast ist.

Wir besprechen noch schnell den Abend. Um sieben müssen wir los. Carmen wird bei den Freilicht-Festspielen in der Nachbarstadt gegeben. Ich erinnere ihn daran. Irgendwie ist es total schwül und ich habe so gar keine Lust auf Kultur. Sich bei der Hitze aufhübschen und eng eingezwängt auf steifen Stühlen hocken, elend lang Musik lauschen, die kein Mensch versteht. Ich kann es mir nicht schön reden.

Ach komm, erst hast du keine Lust und hinterher ist es wieder grandios, kontert MM. Ich maule. Nee, heute ist das ganz bestimmt nicht so wie immer. Es wird immer schlimmer. Ich sehe mich schweißgebadet und vollkommen gelangweilt in den Reihen sitzen und verfluche gerade unseren Freund, der die Karten für uns alle besorgt hat. Warum macht der das jedes Jahr, werde ich langsam rasend. Ich will einmal nicht zu diesem Event, steigere ich mich hinein. Seit zehn Jahren jedes Jahr Festspiele, Carmen, West Side Story, Faust, mein Gott, ich habe mittlerweile die gesamte Weltliteratur und –musik auf der Bühne gesehen. Nein, heute passt es mir gar nicht.

Warum haben wir gerade für heute Abend Karten für die Festspiele in Bad Hersfeld, mache ich innerlich weiter?  Jetzt dämmert es endlich. Unser bester Freund arbeitet in der Kulturstadt und ist großer Fußballfan. Der kann jeden Spielzug aller WM Spiele seit 1954 kommentieren und weiß natürlich wann die Spiel- Pausen sind. Ich werde vollkommen unruhig und kann mich vor lauter Wut nicht konzentrieren. Ich wünsche mir gerade nichts sehnlicher als mit einem kalten Getränk vor dem Fernseher zu liegen und anzuschauen wie Brasilianer gegen Japaner bolzen oder Holländer gegen Argentinier.

1:0 in der 58. Minute

Wahrsagerin

Nun ist es ja nicht ganz so, dass ich Fußball konsequent ablehne. Mit der WM in Südafrika kommt auch bei mir das Sommermärchen von 2006 wieder hoch. Die Euphorie war damals groß, wir trafen uns mit Freunden, um die Spiele der Deutschen zu schauen. Nun wiederholen wir das auch bei dieser WM. Vuvuzela und der gelbe Helm meines Mustermanns sind natürlich dabei. Beim Spiel gegen Australien war ich ziemlich krank und habe nur die Hälfte mitbekommen, beim Spiel gegen Serbien waren wir in Freiburg in einer Eisdiele. Gestern dagegen war ich wieder fit und wir schauten bei Freunden.

Meine Präsenz ist nicht so ganz unwesentlich, weil ich  die Angewohnheit habe, die Spiele der Deutschen zu beeinflussen- positiv natürlich. Schon 1974 habe ich beim Endpiel  mitgeholfen. Als ich mit meinem weißen Klappfahrrad zum Zigarettenholen fuhr, betete ich für die Deutschen. Die schießen gleich ein Tor, redete ich mir im zarten Alter von 10 Jahren immer wieder gebetsmühlenartig ein. Und. Ich kam nach Hause und Gerd Müller bollerte das entscheidende 2:1 gegen die Niederlande ins Eckige. Ich freute mich riesig.

Meine wahrsagerischen Fähigkeiten konnte ich auch gestern wieder anwenden. Alle um mich herum maulten. Was für ein Spiel! Immer noch kein Tor! Da sagte ich kurz nach der Halbzeit. „In der 58. Minute schießen die Deutschen ein Tor!“ Und? Ich war grad draußen, da hörte ich. Tor, Tor, Tor!. Welche Minute war es, okay die 59.,  ein bisschen Spielraum sollte immer drin sein. Alle waren dann an mir dran: Mach das noch mal. Leider sah ich kein Tor mehr. Mal schauen, was ich am Sonntag gegen England so für unsere Jungs machen kann.

Makarapa

Warum werden Männer bei der Fußball-Weltmeisterschaft eigentlich zum Kind? Mein  Mustermann kommt mit einem Bauhelm auf dem Kopf nach Hause. Ich denke, oh gibt es jetzt ein Sondervorstellung zu  YMCA und freue mich  schon. Der Titel von den Village People gehört zu meinen Lieblingsfetenhits.

„Nee“, sagt er, „das ist der WM-Fanhut. Hast du das noch nicht mitbekommen?“ Was ist den ein WM-Hut, frage ich. „Das ist ein Makarapa“ sagt er, „das Symbol des südafrikanischen Fußballs, ein Muss zur WM. Es erinnert an die Arbeiter in den Goldminen Afrikas. Jeder trägt das zur WM. “ Er hat das Teil selbst gebastelt, aus der Firma einen Bauhelm genommen, ihn mit allerlei WM-Symbolen beklebt und zeigt  ihn nun  mit einem Grinsen. Dazu breitet er die Arme aus und dreht sich einmal um sich selbst. So stolziert er damit ins Wohnzimmer und stellt den Fernseher an.

Meine Zustimmung findet die Kopfbedeckung nicht gerade. Ich finde es schon ein bisschen komisch, wenn mein Mann Freitagnachmittag mit einem gelben Bauhelm voller Bildchen auf meinem schnieken Sofa sitzt, das TV-Gerät volle Pulle aufdreht und die nächsten zwei Stunden wie paralysiert auf den Bildschirm starrt.

Zum Glück habe ich im Moment eine schöne Sommergrippe und kann mich getrost mit einem guten Buch auf die Liege verziehen. Ich denke darüber nach, wie denn die nächsten vier Wochen so werden mit der Fußball – WM. Das war ja heute nur das Eröffnungsspiel, Deutschland hat noch nicht einmal gespielt, die sind ja erst am Sonntag dran.  Will der etwa alle Spiele verfolgen?

Ich sehe meinen Freizeitwert für den kommenden Monat deutlich sinken. Da haben wir nun  endlich Sommer. Na ja, den werde ich wahrscheinlich die nächsten Wochen allein auf der Terrasse verbringen, während mein Mann mit seinem gelben Helm unser Wohnzimmer verschönert. Ich könnte mir vielleicht dazu die CD von den Village People einlegen.