Ruhig auch mal ein bisschen faul sein

Eine Bekannte stellte neulich die Hypothese auf, die Nachgeneration des Wirtschaftswunders, also wir, sei zu verweichlicht und deshalb dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen. Das hat mich total geärgert, aber ich hatte gerade kein überzeugend griffiges Gegenargument zur Hand, außer, dass alles schneller wird und hektischer und deshalb so viele Menschen ausgebrannt sind. Außerdem wollte ich den Abend genießen und keinen Streit.

Das Thema Burnout begegnet mir zurzeit überall, auch auf der Meisterfeier der Kreishandwerker redet der Bischof Martin Hein über christliche Werte in der Wirtschaft und rät dazu, das richtige Maß zu halten.

Bei Frank Plasbergs Sendung „Hart aber Fair“ im Ersten war der Burnout gestern Abend Thema. Bernd Sprenger, ein auf Burnout spezialisierter Arzt, saß in der Runde und sagte, dass sich die Krankheitsbilder im Gegensatz zu früher verschoben hätten, weil die Arbeitswelt eine andere sei. Früher hätte es mehr orthopädische Erkrankungen gegeben, weil die Menschen körperlicher arbeiteten, heute arbeitet ein Großteil der Menschen im Dienstleistungssektor. Die Anforderung mentaler Art seien dort sehr gestiegen, ständige Erreichbarkeit und Hektik, Druck und die ständige Kommunikation per mail, sms, Telefon etc. führten zu psychischen Krankheiten und deshalb häuften sie sich. Dazu kämen noch oft unsichere Arbeitsverhältnisse, geänderte Tarifverträge, all das mache zusätzlich Stress, erläuterte die Gewerkschaftsvertreterin.

Es gab noch viel mehr Aspekte und auch Starkoch Tim Mälzer berichtete von seinem Burnout in 2006 und wie er sein Leben danach verändert hat. „Burnout ist eine Krankheit, die wieder vergeht, wenn man sein Leben ändert“, sagte er. Und: Er habe sie sich selbst erarbeitet in seiner Arbeitswut.

Gier spielt sicherlich auch eine Rolle und wer das Maß nicht kennt und nur auf der Erfolgswelle schwimmt, immer mehr will und sich keine Auszeiten für Bewegung und soziale Kontakte nimmt, landet irgendwann auch im seelischen Nichts. Da hat der Bischof wieder recht, das rechte Maß finden ist ein wichtiger Beitrag für das seelische und damit auch gesellschaftlich wirtschaftliche Gleichgewicht. „Zur Vermeidung des Burnout ist es nötig, elementare Grundbedürfnisse seelischer und körperlicher Art nicht zu ignorieren“, so der Psychiater Sprenger.

Also auch für meine Bekannte war etwas dabei. „Man sollte gut auf sich achten und auch mal ein bisschen weicher mit sich sein, dann gibt es keinen Burnout.“ Das sag ich mal so.