Berlin, Berlin

Mütter und Töchter

Ich bin nun glückliche Mutter zweier Töchter, eine davon studiert ja nun in Berlin. Wir besuchen sie gerade und haben noch ein Sofa mitgebracht. Mein Arbeitszimmer ist nun etwas kahl, dafür prangt das rote Prunkstück unterm Hochbett meiner Tochter. „Ach, wie schön“, sie kriegt sich gar nicht mehr ein.

„Endlich kann ich mir Gäste zum Übernachten einladen“, sagt sie und „So sieht das Zimmer noch viel besser aus.“ Ich schaue mich so um. Ok. Das ist Zimmer ist klein, aber eigentlich ganz nett. Wenn da nicht………ich verbiete mir jeglichen Kommentar. Das Kind ist groß und eine junge Frau, da kann ich nicht ständig die Besserwisserin spielen. Ich muss loslassen, beruhige ich mich, atme tief durch, falle in den Sessel, hänge die Beine über die Lehne und lass sie baumeln als wäre ich 23.

Erst vor drei Monaten haben wir hier das Hochbett aufgebaut und die Klamotten die Treppe hochgeschleppt. Beim Verlassen habe ich noch so gedacht. Nächstes Mal sieht es bestimmt schon gut aus. Na ja. Ich erinnere mich noch an so manchen Streit als sie noch zu Hause wohnte. Damals glich ihr Zimmer eher, sagen wir mal,….. einem einzigen kreativem Chaos. Ich hoffte auf Besserung. Das kommt schon noch, redete ich mir ein, wenn ich mal wieder Dutzende von leeren Wasserflaschen und gebrauchten Taschentüchern ausgeräumt hatte.

Mütter sind eben einfach manchmal uncool. So ein lebendiges und tolles Mädel hat einfach viel und bessere Dinge zu tun. Erst recht in Berlin.

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Absolut salonfähig

Das gibt es doch nicht. Nun habe ich vor Tagen von meiner Obsession zu den Salons zu Goethes Zeiten geschrieben und nun treffe ich in der neuesten „Emotion“ auf den Artikel „absolut salonfähig“.

Die Geselligkeit der Salons ist zurück,  heißt es darin. Man trifft sich wieder ganz echt und richtig, um sich auszutauschen, nicht nur im Netz bei Facebook oder studivz. „Klar im Chat wird man nicht so tief und verbindlich wie wenn man einem Menschen gegenübersteht,“ meint die Autorin des Artikels Almut Siegert.

Sogar auf Rahel Levin , später Varnhagen, über die ich neulich schrieb, wird eingegangen. Nach den Treffen blieb man über Briefe in Kontakt, heute geht man ins Netz, um weiter zu diskutieren. Und, heute gibt es wie für unsere Zeit üblich viele Varianten der Salongesellschaften, etwa zu Themen oder auch zum Kennenlernen. In Berlin gibt es einen literarischen Salon.
Auch in Kassel trifft man sich wieder zum Diskutieren bei Tee und Gebäck.

Faszination Salondame

In meiner Fastenzeit komme ich auf allerlei lustige Ideen. Um die Küche mache ich einen großen Bogen und bin desto mehr hinter geistiger Nahrung her. Da kommen mir die Thementage in 3 sat gerade recht. Gestern ging es um die Preußen.  Geschichte kann so spannend sein. Besonders beeindruckt hat mich die Salondame Rahel Levin.

Rahel Levin

Sie war in den Jahren um 1800 herum die berühmteste Salondame  Berlins. Ihr galt am 6. Januar gegen Mitternacht eine ganze Sendung in den Thementagen. Die bedeutendsten Persönlichkeiten dieser Zeit gingen bei ihr zum Tee ein und aus. Darunter Alexander von Humboldt und Friedrich Schlegel .

Zwischen Tee und Gebäck wurde der Aufbruch in eine neue Zeit diskutiert. Einer der berühmtesten Teilnehmer am Teetisch war Prinz Louis Ferdinand von Preußen, ein Schöngeist und Rebell. Levin war Jüdin. Sie wollte immer Deutsche sein und dazugehören. Sie bezeichnete sich als Falschgeborene, wegen ihrer Religion. Aber gerade das war wahrscheinlich der größte Antrieb dafür ein großer Impulsgeber zu sein. Es heißt, sie habe über eine außergewöhnliche Intelligenz verfügt und eine große Gabe des Zuhörens. Dazu kam wohl darüber hinaus der Wunsch im Sinne des Neuen die Menschen miteinander zu verbinden. In ihrem Salon schaffte sie das wohl.

Sie schrieb viele Briefe und galt durch ihre Korrespondenz auch als Schriftstellerin, obwohl sie nie auch nur ein Buch veröffentlicht hat. Ihre ungewöhnliche Art zu denken und frei ihre Gedanken zu äußern, galt in diese Zeit als revolutionär, nur wenige konnten sich das leisten.

Von den Salonrunden gingen in dieser Zeit viele Impulse und Veränderungen aus.

Was das mit mir zu tun hat?

Das fragte ich mich auch bei meiner Faszination für diese Geschichte. Da fiel mir eine Begegnung ein. Neulich fragte mich eine Bekannte, was ich am liebsten machen würde, wenn ich alles tun könnte, ohne jegliche Einschränkung. Da kam ich merkwürdigerweise auf Salondame. Schon immer geht davon eine große Anziehung aus, wie unrealistisch das heute und vielleicht nur romantisch das nun auch sein mag.

Menschen kennen zu lernen,  mit und vor ihnen zu lernen,  finde ich total spannend, auch die Korespondenz mit ihnen reizt mich. Ich mag  den Stil der Briefe aus der damaligen Zeit. In vielen werden  die Menschen über die lange Zeit hinweg  fühlbar und so auch die Geschichte. Zudem  beschäftigt mich auch die Frage, welche Menschen Rahel heute einladen würde und was  die zu sagen hätten?

Berlin,Berlin

Berlin. Stadt meiner Sehnsucht.  Stadt meiner Freundin. Jetzt auch. Stadt meiner Tochter.

Sarah hat endlich jetzt ihren Master-Studienplatz in Berlin bekommen.  Sie wird nun im nächsten Monat dort hinziehen. Ein komisches Gefühl. Weil ihre Sehnsucht auch die meine ist oder weil sie meine Sehnsucht lebt. Das gibt es ja oft, dass die Kinder die unerfüllten Wünsche oder die unverwirklichten Potenziale der Eltern leben.

Sarah, Marie un Timo auf der Fraueninsel in Berlin
Sarah, Marie und Timo auf der Pfaueninsel in Berlin

Ich liebe Berlin. Weil meine älteste und beste Freundin dort wohnt, war ich in den vergangenen 17 Jahren bestimmt 25mal in der Hauptstadt. Ich kenne den Zoo, die Straße des 17. Juni, war in Wannsee, in Potsdam, im Bundestag, auf der Museumsinsel, in verschiedenen Theatern, am Swimmingpool auf der Spree in Treptow, in Kreuzberg in der Markthalle,  habe gesehen, wie sich die Mitte entwickelt. Hab Falafel mit Studenten gegessen und beim Swingtanzen an der Spree zugeschaut, am Schlachtensee gelaufen, auf dem Teufelsberg Silvester gefeiert, bin auf der Pfaueninsel gelustwandelt, habe die Fotografien von Helmut Newton bestaunt, nicht zuletzt Frieda Kahlos Kunst gesehen und,und,und……  Berlin ist eine Quelle der Inspiration.

Ich freue mich total …….für Sarah……. und ein bisschen auch für mich….

Sind wir nicht alle ein bisschen Frida?

Das Leiden und die Liebe

„Sie meinten, ich sei eine Surrealistin. Ich habe nie meine Träume gemalt, nur meine eigene Wirklichkeit“, sagte die mexikanische Malerin Frida Kahlo, als sie entdeckt wurde. Das lässt fast den Schluss zu, dass ihr Leben irgendwie unwirklich war.

Frida Kahlo

Schon fast absurd erscheint, was sie erlebte, wie sehr sie leiden musste und doch einen Weg für sich fand zum intensiven Leben. Als junge Erwachsene wurde sie von einer Straßenbahn angefahren, eine Stange durchbohrte ihren Körper. Da begann sie zu malen. Ein Leben lang litt sie unter den Folgen des Unfalls, dazu hatte sie ein Wirbelsäulenleiden und mit Folgen von Polio zu kämpfen. 21 Operationen durchlitt sie, war zeitweise ans Bett oder den Rollstuhl gefesselt, sie wurde nur 47 Jahre alt.

Das Leiden prägte ihr Leben, auch in der Beziehung zu dem Künstler Diego Rivera, mit dem sie eine große Liebe und viele Enttäuschungen durchmachte. Eine Scheidung und dann die Widerheirat. Alles hielt sie in ihren Bildern fest auch die Fehlgeburt. Sie malte auch im Krankenbett, ließ sich eigens eine Staffelei anfertigen.

So groß wie ihre Qualen, so groß war ihre Stärke und ihre  Kunst. In ihren Bildern steckt noch heute die  große Ausdruckskraft der Künstlerin für das Leiden und die Liebe. Sie lässt uns  die beiden zentralen Themen des Lebens spüren. Deshalb bietet sie eine große Projektionsfläche für nahezu jeden und man findet Teile von sich in ihr.

Sie intellektualisiert, doch  ihre Sprache ist die des Gefühls, wobei es der Symbolik, dem Szenario daher kommt.  In ihren vielen Selbstbildnissen scheint sie selbst fast entrückt, ein wenig distanziert. Das meist immer gleiche Gesicht in ihren Darstellungen  spiegelt nur selten ihr Befinden, nur ausnahmsweise fließen Tränen darauf. Als hätte sie eine  Distanz zu sich und so vielleicht auch die Kraft. Auch die oft starren Augen scheinen zu sagen, ich halte durch. Meist schauen sie schräg nach unten, weg vom Betrachter. Manchmal auch wissend durch ihn hindurch.

Frida Kahlo wurde 1907 in Coyoacan in Mexiko geboren. Sie zählt zu den großen Identifikationsfiguren der latein-amerikanischen Kunst. Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ragt sie als eine der berühmetesten Künstlerinnen heraus. Ihr ereignisreiches Leben, die Bekanntschaft mit vielen Berühmtheiten ihrer  Zeit lässt sich facettenreich darstellen. Frida Kahlo lebte von 1907 bis 1954. Sie starb im Alter von nur 47 Jahren. Ihr Vater hatte deutsche Wurzeln, die Mutter war Mexikanerin.  (Quelle: Faltblatt der Ausstellungsleitung)

Die  Ausstellung Retrospektive zeigt zurzeit das Leben und bedeutente Werke der Künstlerin Frida Kahlo im Martin Gropius Bau in Berlin bis zum 9. August.

Neben den Bildern und biografischen Schilderungen ergänzt eine Fotoschau aus dem Besitz der Familie und Freunden die Ausstellung. Ein Dokumentationsfilm komplettiert den Blick auf Frida Kahlos Leben . Faszinierend.

Hut ab

Respekt vor dem Vertrauen

Maximiliane Lata

Neulich am Berliner Künstlermarkt an der Straße  des 17. Juni habe ich mich in eine Mütze verliebt. Okay, ein bisschen half die Macherin der Hüte,  Maximiliane Lata mit. Zielsicher  setzte sie mir eine ihrer Kreationen auf das Haupt, rückte ihn etwas nach rechts und streifte mein Haar hinters Ohr. Der Blick in den Spiegel überzeugte mich, ich gefiel mir sofort. Meine Freundinnen um mich herum waren auch ganz entzückt. Nimm den, toll, so die Kommentare.  Mein Blick in den Geldbeutel ließ allerdings zu wünschen übrig, gähnende Leere nach einem Wochenende in Berlin.

Kartenzahlen gibt es bei den meisten Künstlern nicht und auch der nächste Automat ist meilenweit entfernt. Also sagte die gute Frau: „Wir schauen uns in die Augen, sagen Sie mir Ihren Namen und dann geb ich Ihnen meine Bankverbindung.  Sie nehmen den Hut mit und können mir das Geld morgen überweisen.“ Da war ich sprachlos. So etwas habe ich lange nicht erlebt. Dieses Vertrauen. Sie kennt weder mich noch meine Freundinnen, sie lebt in Berlin, ich in Nordhessen. Ich hätte der alles erzählen können. Unglaublich, dass es so etwas noch gibt.

Ich kann noch nicht einmal in meinem Edeka Laden um die Ecke anschreiben, obwohl ich da seit zwölf Jahren über den Daumen gepeilt 40.000 Euro gelassen habe, bestimmt als solvent gelte und immer bezahlt habe.  Das ärgert mich manchmal schon.

Deshalb, einmal mehr: Hut ab oder en francais Chapeau liebe Maximiliane

Außerderdem sind die handgefertigten Hüte und Mützen in vielen  Variationen natürlich total schön…..und die Verkaufstaktik vom maxim lata einmalig. Sie schwätzt einem keinen alten Hut auf, sondern berät individuell und kompetent.

Gut behütet