Das Karussell des Lebens

Durch den Wind von Annika Reich

Frauen haben heute alle Möglichkeiten – aber finden sie deshalb auch ins Glück? Annika Reich skizziert in ihrem Romandebüt „Durch den Wind“, das Leben von vier Frauen Mitte Dreißig im hippen Berlin.

Die Freundinnen gehen unterschiedliche Wege. Gemeinsam ist die Suche nach der Zukunft, eine große Sehnsucht nach dem Glück. Yoko will sich nicht festlegen. Die japanische Architektin, hat einen One-Night-Stand nach dem anderen und verdrängt so ihre Vergangenheit, den Tod ihres Vaters.  Siri kommt nicht damit klar, dass ihre Großeltern sich trennen und damit ihre innere feste Burg zerfällt. Gerade weil sie gar nicht so glücklich mit ihrem perfekten Mann und dem Sohn ist, und sich selbst nicht traut, daran was zu verändern.  Alison steht überhaupt nicht fest auf ihren Beinen, sie glaubt eine Doppelgängerin zu haben und dass der verschwundene Victor der Mann fürs Leben ist. Frederike wünscht sich ein Kind, leider von einem Mann, der sich überhaupt nicht entscheiden will.

„In dem Roman zeigt Annika Reich, dass sie eine sehr angenehm intellektuelle Seismographin  der heutigen Gesellschaft ist“, sagte der Literaturkritiker Dennis Scheck im Kulturzeitgespräch in 3 sat über das Buch. Es sei ein Roman über das Erwachsenwerden, so Scheck. Im Gegensatz zu früher tun sich die Menschen damit aber heute schwerer. Ursache dafür sind die vielen Möglichkeiten, die das Leben gerade Frauen bietet.

Früher war das Leben für Frauen festgelegt, es gab nur wenig Alternativen. Annika Reich beschreibt das Lebensgefühl einer Generation, die mitten ins Leben will.  Daher passt auch der Ort des Geschehens, Berlin Mitte, das Zentrum in der Hauptstadt und Sinnbild für das moderne Berlin, das moderne Deutschland, den modernen Menschen. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass das Buch nur von Frauen handelt. Sind sie es doch, die heute vieles entscheiden.  Bekommen sie Kinder oder machen Karriere, damit haben sie die Demografie in den letzten Jahren jedenfalls ganz schön durcheinander gewirbelt und bestimmen auch weiter durch ihr Verhalten maßgeblich und zentral mit,  wo es in den nächsten Jahren lang geht.

Für Annika Reich ist im Leben mit Mitte Dreißig vieles möglich und es deshalb schwierig in die Verantwortung zu gehen, sagte sie in ihrem Interview mit Oliver Preusche, als Video auf  www.youtube.com zu sehen. Bis dreißig sei noch alles drin, man könne noch von einem Zug auf  den anderen wechseln.  Das gehe theoretisch auch bis über die dreißig hinaus, dennoch gebe es eine Grenze. Irgendwann funktioniere das nicht mehr. Das Schicksal der Schicksalslosen verliere dann den Reiz, glaubt Reich.

„Irgendwann kann man das Glück nicht mehr durch Freiheit erfahren,  sondern durch Verbindlichkeiten, dadurch, dass man etwas schafft“, sagt sie.  Dennoch gebe es eine innere Zerrissenheit. „Jung sein, nicht erwachsen werden wollen, das ist hier in Berlin ziemlich stark verbreitet“, sagt sie. Selbst Mitte Dreißig sagt sie. „Ich habe das Glück, dass ich das Schreiben habe, was mich glücklich macht.“

Annika Reich wurde 1973 in München geboren, lebt heute in Berlin. Sie studierte  Ethnologie und Philosophie an der FU Berlin. Sie arbeitet als Lehrbeauftragte an Universitäten in Berlin, Hamburg, Freiburg und lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Außerdem ist sie seit 2009 als publizistische Mitarbeiterin bei der Malerin Katharina Grosse tätig. 2003 erschien die Erzählung „Teflon“. www.literaturport.de . „Durch den Wind“ erscheint im Hanser Verlag.