Lange Ohren

Das rote Bonbon am Ohr

Als Kind starrte ich immer fasziniert auf die Ohren meiner Oma. Sie trug gern Ohrringe. Goldene Blitzer baumelten an ihren Ohrläppchen, ich wollte alle ausprobieren und hielt sie mir vor dem Spiegel an. Nur hatte ich damals noch keine Löcher in den Ohren. Im Gegensatz zu heute wartete man damit oft bis in die Pubertät hinein. Kinder machten das nicht, das war verpönt in unserer Familie, vielleicht auch, weil es meinem Vater nicht gefiel. Er meinte, wenn man sie zu früh stechen lässt, hängen die Löcher später. Ich wollte aber so gern die blitzenden Dinger anziehen und drängelte. Allerdings mit einem leichten Zögern, beim Anblick der Ohren meiner Oma. Die goldenen Hänger zogen das Loch in die Länge, schräg nach unten hing es,  am Ring wackelte die dicke Perle hin und her. Für mich ein Sinnbild fürs Altern. Heute morgen schaue ich in den Spiegel auf mein Ohr, da wiegen sich bonbongroße rote Boller an einem Ohrloch, und es zieht sich schön in die Länge. Hallo Alter, ich komme. Oder habe ich mir die Löcher doch nur zu früh stechen lassen?