Angst hat viele Gesichter

Bewundernswert offen: So zeigte sich mir Gerhard Hinneburg im Interview. Ein Soldat, der sein ganzes Leben lang von Angst gequält wird, und sie immer wieder verbergen muss. Da wächst der Druck über die Jahre bis er quasi expoldiert. Seine Lösung ist es nun nach außen zu gehen und sich anderen mitzuteilen, Luft abzulassen und für andere Betroffene da zu sein.

zum Artikel: HNA Artikel Angsterkrankung Hinneburg

Advertisements

Schongang

Schonen Sie sich mal ein bisschen. Wie gern höre ich diesen Satz, natürlich nur wenn nichts Gravierendes dahinter steckt. „Alles gut verlaufen, sie müssen sich nur ein wenig ausruhen“, sagte die Ärztin. Jap, denke ich und haue mich schon für den ganzen Nachmittag auf die Liege. Die Sonne scheint auf mich herunter, ich leide am besten noch ein bisschen und haue mir den Krimi rein, den ich schon immer lesen wollte. Dabei schaue ich dann noch etwas auf das Unkraut herunter, dass in der letzten Zeit jeglichen Anstand verloren hat und fast  baumhoch  neben mir hoch wächst.  Ich ignoriere diese Frechheit einfach. Heute soll ich mich schonen. So und Pah.

Da wird der Himmel plötzlich grau, ein Wind kommt auf und bläst meine Kaffeetasse um. Sie klappert über die Terrasse. Ich rase zur Wäschespinne, sammele Hosen und Hemden ab und schleppe das Ganze dann ins Bügelzimmer. Dort empfängt mich mein Wäscheberg freundlich. Es scheint , dass er wie im Märchen ruft: Bügel mich. Ach, so schlimm ist es ja auch nicht. Ne halbe Stunde bügeln, wird schon gehen, stöhne ich und stelle das Eisen an. Schonen werde ich mich dann gleich wieder. Ganz bestimmt.

Glück gehabt

Als ich gestern Morgen durch den Märzschnee im Knüll fuhr, musste ich an eine Fahrt vor 25 Jahren denken. Ich wollte mein Hochzeitskleid in Kassel holen und stieg in das alte VW Käfer Cabrio meiner Mutter ein. Es war auch ein Märzmorgen. Der Frühling hatte sich noch nicht durchgesetzt und ein letzter Winterschnee rieselte auf die Straße. Meine Mutter rief mir noch zu. Fahr vorsichtig, es schneit. Was die nur immer will, dachte ich aufmüpfig, schaute dann aber doch auf meinen Bauch herunter. Lang würde es nicht mehr dauern, dann sieht man es. Ich war im dritten Monat schwanger.

Auf der Fahrt schneite es immer mehr. Ich steuerte das globige Gefährt über die Landstraße und dachte an die bevorstehende Zeremonie. Dann klebten die  Flocken an der Frontscheibe fest, das Gebläse in dem ollen Käfer funktionierte mal wieder nicht und die Sicht war mehr als mies. Gerade als ich auf der langen Gefällstrecke kurz vor Kassel war, wischte ich eifrig am Fenster rum.  Da kam der Wagen ins Schleudern. Das Auto rutschte auf der schneeglatten Straße und schlitterte auf die andere Straßenseite. Von unten kam mir ein Tank-Lastwagen mit eiliger Lichthupe entgegen.  Für kurze Zeit sah ich die Hochzeit platzen und mich wenigstens im Krankenhaus liegen. „Oh Gott, das Kind“, dachte ich nur.

Irgendwie reagierte ich automatisch, machte Stotterbremse, riss das Lenkrad rum, werkelte irgendwas mit der Handbremse und landete im Straßengraben. Der Lastwagenfahrer hupte lang, als er an mir vorbei fuhr.  Das hätte auch echt schief gehen können. Mein Herz schlug bis zum Hals. Trotzdem wollte ich mir das alles doch davon nicht kaputt machen lassen und mein Kleid holen. Ich erinnerte mich an die Tankstelle im nächsten Ort und lief dort hin. Der Tankstellenwärter zog das Auto aus dem Graben, es war nur ein kleiner Kratzer dran. Ich stieg ein, setzte meine Fahrt fort und stand wenige Zeit später im Geschäft vor dem Spiegel und probierte das geänderte Kleid an.  Mit dem Hochzeitskleid kam ich dann freudestrahlend nach Hause. Auch nach der langen Zeit denke ich oft daran, was für ein Glück ich damals hatte.

Interview im Schlafanzug

Dass man als Landreporter Augen und Ohren offen hält, ist selbstverständlich. Wo mir etwas auffällt, wo ich staune und aufmerke, dahinter verbirgt sich meist eine Geschichte. So ist man immer nah an den Menschen.
Die Frage ist nur, wie nah darf es denn eigentlich sein. Neulich am Samstag. Ich sitze gerade am Frühstückstisch, habe die vierte Tasse Kaffee intus und alles gelesen, was die Zeitung so her gab, surfe noch ein bisschen im Internet und schaue auf die Uhr. Oh, schon halb zwölf. Jetzt aber ran: Ich muss unbedingt die Wäsche machen, das Wohnzimmer aufräumen und noch einkaufen, schließlich will ich auch noch eine Runde laufen.

Als ich mich gerade aufmache, klingelt es. Ich schaue an mir hoch und runter. Ich bin noch im Schlafanzug. Die Frisur macht alles Mögliche, außer zu sitzen und mehr als eine Katzenwäsche habe ich noch nicht hinter mir. Mache ich jetzt auf oder nicht? Eine ältere Dame steht vor der Tür. „ Das ist bestimmt die Stromableserin“, denke ich und entschließe mich sie hinein zu lassen. Ich kenne das: Die ist schnell im Keller und wieder hinaus und außerdem treffen die samstags bestimmt viele im Schlafanzug an. Zudem will ich nicht, dass der Zählerstand wieder geschätzt wird, dann steigt die Stromrechnung vielleicht wieder.
Leider ist das alles aber nicht so: Die Dame lobt mich erst als gute Reporterin und beginnt eine tragische Geschichte zu erzählen, die ich in die Zeitung bringen soll. Sie will dafür aber nicht in meine warme Küche kommen, wegen ihrer dreckigen Stiefel, sondern setzt sich in den kalten Flur. Wenigstens muss ich nicht mit meinem Schlafi weiter in der Zugluft stehen. Die Geschichte ist lang und hat viele Hintergründe, ich hole schnell eine Decke und hänge sie mir um, damit ich morgen nicht krank bin. Nach einer halben Stunde bin ich um ein paar Informationen reicher, aber halb durchgefroren. Wir einigen uns mit der Berichterstattung. Ich begleite sie hinaus, schaue im Flur in den Spiegelund schüttel den Kopf über mich selbst Das war das erste Interview, das ich im Schlafanzug hatte . Wie verrückt muss man eigentlich dafür sein?

Mein November ist der Januar

Wenn ich die Lichterkette vom Weihnachtsbaum räume und die Kugeln wieder fürs nâchste Jahr in die Schatulle stelle, dann scheint gleichzeitig mein Seretoninspiegel zu sinken, denn ich bekomme schlechte Laune. Jetzt folgt der eklige Januar. Die meisten hassen ja den November, bei mir ist das anders. Ich kann dem Januar nur wenig Positives abgewinnen.

Die Versicherer plündern mein ohnehin vom Weihnachtseinkauf gestresstes Konto, Genüssen jeglicher Art schwöre ich erst einmal ab, weil ich immer noch voll vom Silvesteraclette bin und dieses Jahr kann ich noch nicht mal die Askese auskosten, weil aus gesundheitlichen Gründen das wahrnehmungsintensive Fasten ausfällt.

Also: weit und breit kein Spaß in Sicht.

Ich zerre den verklebten Kerzenhalter aus den rieselnden Tannenzweigen und schmeiße den Baum hinaus in den Tag, der nicht hell werden will. Er ist verregnet wie ein grauer Novemberfreitag. Dann denke ich an den letzten November, an ausgedehnte Spaziergänge im sonnigen Spätspätherbst, Kürbissuppe und die Vorfreude auf die Weihnachtszeit.

Der Wunschbaum

Im vergangenen Jahr haben wir eine neue kleine Tradition eingeführt: Kurz vorm Jahreswechsel schreiben wir unsere Wünsche für das nächste Jahr auf kleine Zettel und hängen die an den Weihnachtsbaum. Dort reifen sie dann noch ein paar Tage bis ich den Baum abschmücke und die Zettel dann bis zum nächsten Silvester aufhebe. Dann gebe ich die Zettel wieder  zurück und jeder kann schauen, ob sich seine Wünsche auch erfüllt haben.

Wunschebaum

Gestern haben wir im kleinen Kreis bei uns gefeiert und jeder durfte seine Wünsche mit an den Baum hängen. Erst lachten alle und zögerten, aber dann machten sie doch mit. Irgendwie ist es wohl doch zu verführerisch dieses kleine Spiel mitzuspielen und zu hoffen, dass sich die eigenen Wünsche erfüllen. Es ist auch interessant, ob man mit Bedacht daran geht und was man sich wirklich wünscht.

Ich frage mich, was brauche ich wirklich, was ist mir wirklich wichtig und was macht mich zufrieden? Für was bin ich dankbar?  Allein dort hinzuschauen und das mal auf sich wirken zu lassen, ist es schon wert genug das Wunschebaumspiel mitzuspielen. Ich nenne es übrigens Wunschebaum, obwohl ich natürlich weiß, dass es Wünsche heißt, aber der kleine Fehler machte mir das Spiel noch sympathischer.

Hemingway der Hohenburg

Ernest Hemingway und Kuba gehören  zusammen, ebenso wie der Landart Künstler Hans-Joachim Bauer und H omberg. Während eine große Büste des weltberühmten Schriftstellers in einer seiner Stammbar in Havanna an ihn erinnert, soll nun bald auch eine kleine Statue von Bauer in seiner Lieblingskneipe in Homberg auf der Hohenburg zeigen, dass die Burg für den Homberger Landartt-Künstler ein Ort der Inspiration ist.

Ewald Rumpf modelliert Hans-Joachim Bauer

Die Idee zu der ungewöhnlichen Figur kam Bauer bei seinem letzten Besuch in Kuba, den er vorwiegend in Havanna verbrachte. Er besuchte bei dieser Gelegenheit die Bar „El Floridita“ und erzählte von der beeindruckenden Statue Hemingways. An dessen damaligem Stammplatz befindet sich heute eine Büste, die an den Schriftsteller erinnert, der dort häufig in der Gesellschaft von Filmstars wie Gary Cooper oder Spencer Tracy saß.

Burgberg-Wirtin Andrea Fischer hatte dann die Idee, dass auch Bauer an seinem Stammplatz eine kleine Büste platzieren könnte. Figurengestalter ist Ewald Rumpf aus Knüllwald, Künstlerkollege und Freund Bauers. Er modellierte die Statue in Ton an den vergangenen drei Tagen in der Gaststätte. Die Besucher staunten nicht schlecht über das ungewöhnliche Gastspiel der beiden Herren. Die Figur ist etwa 30 Zentimeter hoch und zeigt den nachdenklichen Bauer in einer sitzenden Haltung. Es soll demnächst gebrannt werden und dann einen Ehrenplatz auf dem Sims neben Bauers Stammplatz bekommen.

Bauer arbeitet zurzeit parallel an verschieden Projekten. Sein Kubabesuch inspirierte ihn in Havanna ein Feld über die Revolution anzulegen. Der Name steht schon fest: Die Kraft des Wollens oder auf spanisch La Fuerza del Poder. Das Projekt handelt von der Revolution und dem Sturz des kubanischen Diktators Batista. Das Feld soll etwa 6000 Quadratmeter groß werden. „Es gibt einen Entwurf, aber die Umsetzung ist wegen der politischen Verhältnisse schwierig“, sagte Bauer. Man dürfe in Kuba Urlaub machen aber mit dem Arbeiten sei es ein Problem. Er hat nun eine Ansprechpartner in der kubanischen Botschaft in Berlin, der ihm helfen will das Projekt zu verwirklichen. Demnächst fährt Bauer aber erst einmal nach Marrakesch, um dort an einem Projekt zu arbeiten, dass die globale Finanzwelt kritisiert. „Ich hinterlasse meine künstlerischen Spuren auf der ganzen Welt“, sagt Bauer. Und so manche Idee dafür entstehe auf dem Burgberg. Rumpf arbeitet hingegen weiter an seinen Figuren. Er reist dafür zwischen Tschechien, Italien, Schweden und Nordhessen umher.

Ich schaue auf die alten Bräuche

Fritzlar. Eigentlich ist der November nicht unbedingt der perfekte Monat für die Kräutersuche, aber Anna Hutter aus Fritzlar geht mit mir den Weg in der Ederaue ab, auf dem sie sonst Kräuterführungen anbietet. Und siehe da, Brennesseln und Mierre säumen den Wegesrand, hier und da lugt noch ein Löwenzahn aus dem Gras.  Die Blüten  sind natürlich nicht so satt wie im Sommer. Im Winter ziehen sich die Säfte der Kräuter in die Wurzel, lerne ich. Die 26-Jährige hat eine ungewöhnliche Berufung. Sie sagt: „Ich bin eine Kräuterfrau“.

Beim Anblick der zierlichen und vitalen Sozialpädagogin will man dem Klischee einer Kräuterfrau, wie man sie vielleicht  aus Erzählungen im Mittelalter her kennt, nicht folgen. Eine moderne junge Frau läuft neben mir her, die vor Begeisterung nur so sprüht. „Ich will das alte Naturkunde Wissen weiter geben“, sagt sie als wir bei Temperaturen um den Nullpunkt die Eder entlang gehen. Während ich den Mantel noch enger um mich schlage, kommt sie beim Erzählen in Wallung. Nach dem Studium des Sozialwesens in Kassel bildete sie sich in der Heilpflanzenkunde bei Doris Grappendorf in Köddingen weiter, lernte dort viel über Kräuter und wie sie zum Wohlbefinden beitragen können. „Ich war schon als Kind an der Natur sehr interessiert“, sagt sie. Sie stammt aus Kasachstan und wuchs in Bad Wildungen auf.

Das jahrhunderte alte Wissen der heilkundigen Frauen aus dem Mittelalter sei mittlerweile wissenschaftlich bewiesen und füge sich so in die Moderne ein. „Mit Esoterik hat das alles nichts zu tun“, erklärt sie.

So kommt es mir auch nicht vor. Die junge Frau wirkt klar und aufgeschlossen. Sie bringt die Fakten auf den Punkt und spickt das Ganze mit spannender Geschichte.  Da erfahre ich sogar noch etwas über die Hexenverfolgung in der Neuzeit. Dann schwenkt sie wieder zum Die wirke entwässernd,  eigne sich im Frühjahr prima für eine Entschlackungskur und unterstützte bei Krankheiten wie Rheuma und Gicht. Ich bin froh, wenn ich das Kraut überhaupt erkenne. Das Thema der Kräuterheilkunde ist für die junge Frau aber nicht ganz einfach. „Ich darf nicht therapieren. Anwendungen mit Kräutern müssen immer mit dem Arzt abgesprochen werden. Jeder Körper ist anders und reagiert dementsprechend,“ betont sie. Von Selbstmedikation rät sie ab. Das sei immer eine heikle Sache.

Der Abschluss der Phytotherapeutin, den sie mit ihren Studien erworben hat, ist zwar in Österreich anerkannt, aber nicht in Deutschland.  Daher spezialisierte sie sich auf den pädagogischen Bereich. Sie arbeitet als umweltpädagogische Honorarkraft,  meist führt sie Kinder im Wildpark Knüll durch den Wald, bestimmt Kräuter, erzählt ihre Geschichten dazu und kocht. Als Kräuterweib verkleidet besucht sie mittelalterliche Märkte und wird von Gemeinden gebucht. Ihre kleine Firma, über die sie diese  Angebote und Kräuterführungen abwickelt, nennt sie Haggeflüster- das soll die Verbindung zu den Hageweibern  zeigen.

„Auf dieser Wiese blüht der Löwenzahn im Sommer in  Massen“, hält sie dann an.  Löwenzahn sei ein reiner Ginsengersatz. Er rege die Funktion von  Leber und Darm an und man könne quasi alles davon essen, Blüte, Stängel und Blätter und Wurzeln.  Löwenzahntee zähle zum  Aphrotisiakum, sei besser als jeder Kaffee und die anregende Wirkung halte lange Zeit an. „Die Kräuter wachsen da, wo sie gebraucht werden“, sagt die Fachkundige. Sie kommt ins Schwärmen und hört nicht mehr auf und entdeckt noch ein Sträußchen Vogelmiere.

Ich kenne das zwar vom Sehen, aber hätte dem nie eine wohl tuende Wirkung zugesschrieben. Als Tee, Salat und Quark entfalte sie ihre Wirkung. Sie sei anregend und helfe bei Hautproblemen. So geht das dann die ganze Zeit weiter: Ich lerne Kräuter kennen, die ich gerade mal vom Namen her kenne. Hutter rät:  Esst die Kräuter, sie haben viele wichtige Spurenelemente und Mineralien. Das Thema ist unerschöpflich.  In ihrer Küche probiert sie vieles aus, fertigt Tinkturen und Tees, schafft neue Rezepte und kann gar nicht genug von der Vielfalt der Kräuter  bekommen.

„Ich bin eine Frau, die auf alte Bräuche schaut“, meint sie und gibt sogar nach eine Wetterprognose. St. Martin sei ein Lostag. „Es war sonnig, das heißt der Winter wird lang und kalt“, fügt sie hinzu.  Na, dann freue ich mich jetzt schon mal auf die ersten frischen Kräuter nach dem langen kalten Winter.  (ZTY)