Interview im Schlafanzug

Dass man als Landreporter Augen und Ohren offen hält, ist selbstverständlich. Wo mir etwas auffällt, wo ich staune und aufmerke, dahinter verbirgt sich meist eine Geschichte. So ist man immer nah an den Menschen.
Die Frage ist nur, wie nah darf es denn eigentlich sein. Neulich am Samstag. Ich sitze gerade am Frühstückstisch, habe die vierte Tasse Kaffee intus und alles gelesen, was die Zeitung so her gab, surfe noch ein bisschen im Internet und schaue auf die Uhr. Oh, schon halb zwölf. Jetzt aber ran: Ich muss unbedingt die Wäsche machen, das Wohnzimmer aufräumen und noch einkaufen, schließlich will ich auch noch eine Runde laufen.

Als ich mich gerade aufmache, klingelt es. Ich schaue an mir hoch und runter. Ich bin noch im Schlafanzug. Die Frisur macht alles Mögliche, außer zu sitzen und mehr als eine Katzenwäsche habe ich noch nicht hinter mir. Mache ich jetzt auf oder nicht? Eine ältere Dame steht vor der Tür. „ Das ist bestimmt die Stromableserin“, denke ich und entschließe mich sie hinein zu lassen. Ich kenne das: Die ist schnell im Keller und wieder hinaus und außerdem treffen die samstags bestimmt viele im Schlafanzug an. Zudem will ich nicht, dass der Zählerstand wieder geschätzt wird, dann steigt die Stromrechnung vielleicht wieder.
Leider ist das alles aber nicht so: Die Dame lobt mich erst als gute Reporterin und beginnt eine tragische Geschichte zu erzählen, die ich in die Zeitung bringen soll. Sie will dafür aber nicht in meine warme Küche kommen, wegen ihrer dreckigen Stiefel, sondern setzt sich in den kalten Flur. Wenigstens muss ich nicht mit meinem Schlafi weiter in der Zugluft stehen. Die Geschichte ist lang und hat viele Hintergründe, ich hole schnell eine Decke und hänge sie mir um, damit ich morgen nicht krank bin. Nach einer halben Stunde bin ich um ein paar Informationen reicher, aber halb durchgefroren. Wir einigen uns mit der Berichterstattung. Ich begleite sie hinaus, schaue im Flur in den Spiegelund schüttel den Kopf über mich selbst Das war das erste Interview, das ich im Schlafanzug hatte . Wie verrückt muss man eigentlich dafür sein?

Mein November ist der Januar

Wenn ich die Lichterkette vom Weihnachtsbaum räume und die Kugeln wieder fürs nâchste Jahr in die Schatulle stelle, dann scheint gleichzeitig mein Seretoninspiegel zu sinken, denn ich bekomme schlechte Laune. Jetzt folgt der eklige Januar. Die meisten hassen ja den November, bei mir ist das anders. Ich kann dem Januar nur wenig Positives abgewinnen.

Die Versicherer plündern mein ohnehin vom Weihnachtseinkauf gestresstes Konto, Genüssen jeglicher Art schwöre ich erst einmal ab, weil ich immer noch voll vom Silvesteraclette bin und dieses Jahr kann ich noch nicht mal die Askese auskosten, weil aus gesundheitlichen Gründen das wahrnehmungsintensive Fasten ausfällt.

Also: weit und breit kein Spaß in Sicht.

Ich zerre den verklebten Kerzenhalter aus den rieselnden Tannenzweigen und schmeiße den Baum hinaus in den Tag, der nicht hell werden will. Er ist verregnet wie ein grauer Novemberfreitag. Dann denke ich an den letzten November, an ausgedehnte Spaziergänge im sonnigen Spätspätherbst, Kürbissuppe und die Vorfreude auf die Weihnachtszeit.

Der Wunschbaum

Im vergangenen Jahr haben wir eine neue kleine Tradition eingeführt: Kurz vorm Jahreswechsel schreiben wir unsere Wünsche für das nächste Jahr auf kleine Zettel und hängen die an den Weihnachtsbaum. Dort reifen sie dann noch ein paar Tage bis ich den Baum abschmücke und die Zettel dann bis zum nächsten Silvester aufhebe. Dann gebe ich die Zettel wieder  zurück und jeder kann schauen, ob sich seine Wünsche auch erfüllt haben.

Wunschebaum

Gestern haben wir im kleinen Kreis bei uns gefeiert und jeder durfte seine Wünsche mit an den Baum hängen. Erst lachten alle und zögerten, aber dann machten sie doch mit. Irgendwie ist es wohl doch zu verführerisch dieses kleine Spiel mitzuspielen und zu hoffen, dass sich die eigenen Wünsche erfüllen. Es ist auch interessant, ob man mit Bedacht daran geht und was man sich wirklich wünscht.

Ich frage mich, was brauche ich wirklich, was ist mir wirklich wichtig und was macht mich zufrieden? Für was bin ich dankbar?  Allein dort hinzuschauen und das mal auf sich wirken zu lassen, ist es schon wert genug das Wunschebaumspiel mitzuspielen. Ich nenne es übrigens Wunschebaum, obwohl ich natürlich weiß, dass es Wünsche heißt, aber der kleine Fehler machte mir das Spiel noch sympathischer.