Es ist ein bisschen wie im Knast

6. Oktober
Seit gestern bin ich in der nuklearmedizinischen Abteilung der Uniklinik in Göttingen zu „Gast“. Das trifft es nur bedingt, ich bekomme eine Radiojodtherapie, die meinem wuchernden Knoten in der Schilddrüse den Garaus machen soll. Nach der Untersuchung bekam ich eine Kapsel mit Radioaktivität versetztem Jod und das war im Prinzip die Therapie.

Nun sitze ich hier putzmunter auf 20 Quadratmetern und warte bis sich die Radioaktivität abgebaut hat, weil sifür mich heilsam für andere aber eher eine Gefahr ist. Das kann dauern. Angeblich muss ich neun Tage nahezu isoliert verbringen. Keine schöne Vorstellung. Das Zimmer ist groß man schaut vom Bett aus in den Garten, eine von Pflanzen umrankte Betonmauer. Hinter dem Bett steht eine Bleiwand, zum Schutz fürs Personal. Die Schwestern kommen und bringen die Mahlzeiten, halten sich auf zwei Meter Abstand. Ein kleiner Plausch hier und da, es bleibt nicht viel Zeit, auch sie müssen sich schützen und sind vorsichtig. Obwohl alle sehr nett sind und auch das Zimmer schön hell ist, fühle ich mich doch ein wenig eingesperrt. Ich kann den Raum nur zum Messen meiner radioaktiven  Werte verlassen. Der Höhepunkt für heute. Ich darf mit den anderen „Insassen“ mal eine kleine Runde in den Flur, um die Beine zu vertreten.
Abwechselnd lese ich, surfe im Netz ( leider funktioniert mein i-Pad nur sehr eingeschränkt) ) meditiere oder stelle den Fernseher an. Das ist alles ein bisschen hektisch und ich merke, wie ich das „Gefangensein“ kompensieren will, indem mir ständig etwas anderes einfällt und ich von ein Buch zum nächsten, einer Zeitschrift zur anderen, dem Laptop und wieder zum Kopfhörer greife.

So richtig kann ich mein „Retreat“ nun doch noch nicht genießen. Mal nichts machen, wie oft wünscht man sich das und dazu noch ohne schlechtes Gewissen, weil man gar keine andere Chance hat. Das klingt toll, ist aber gar nicht so einfach. Ich hoffe, dass ich mich  in den nächsten Tagen darauf noch weiter einlassen kann und meine „Meditation“  mehr wird  als das Gefühl ein bisschen im Knast zu sein.

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