Ich will auch fröhlich sein

Jetzt hat Susanne Fröhlich schon wieder ein Buch geschrieben, das garantiert wieder zum Bestseller wird. Und ich? Immer noch nicht. Außerdem hat sie mit Yoga 25 Kilo abgenommen. Und ich? Ich bin immer noch speckfett. Ich könnte heulen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich auch gerade zwei Yogastunden  hinter mich gebracht habe.  Dazu noch der Titel „Yoga macht Fröhlich“.   Also glücklich ist die auch noch, während ich immer mit meinen Depriphasen kämpfe.

Irgendwie ist mir diese Frau immer um  Lichtjahre voraus. Was mache ich nur falsch?  Vor Jahren habe ich sie mal kennen gelernt. Sie stellte damals ihr Buch Moppel-Ich vor, für das die lustig  babbelnde  Moderatorin auch gerade mächtig abgenommen hatte und ich schrieb über die Lesung.

Also, so ein bisschen beeindruckt war ich damals schon und ich hatte mich total auf die Begegnung gefreut. Ich  habe mich vorgestellt, wir wechselten ein paar nette Sätze und begutachten uns wie das Frauen eben so tun. Ihr Blick auf meine Figur war – jedenfalls  in meiner Vorstellung-  gelinde gesagt vernichtend.  Sie schaute an mir hoch und runter, worauf  sich in mir alles zusammen zog. Wahrscheinlich hat die nur gedacht: „Wenn ich mal wieder was essen würde, sähe ich auch wieder so aus. So schlimm ist es auch nicht. Ich bestelle mir gleich ne Bratwurst mit Pommes Schranke.“ Ich jedenfalls  wäre vor Scham am liebsten unter den Tisch gekrochen.  Sie war so schön, schlank und wortgewandt und ich kleine Schreiberin saß erfolglos und dazu noch pummelig neben  ihr und suchte verzweifelt nach einer interessanten Frage.

Das hat mich dann angespornt: Ich habe ihr Buch gekauft, gelesen, die Diät gemacht und dann auch ein paar Kilos verloren. Die habe ich lange wieder drauf und dazu mittlerweile noch ein paar mehr – genau wie es dann  auch bei der Fröhlich war. Und ich hatte mich damit angefreundet, genau wie die Autorin.  Nun fühle ich mich mit dem neuen Buch echt wieder ein bisschen unter Druck. Bevor die wieder zur Lesung nach Homberg kommt und ich sollte noch einmal in die Verlegenheit kommen darüber zu berichten, muss etwas passieren. Ich geh gleich los und kaufe mir das Buch. Ich will auch mittig, schlank und vor allem fröhlich sein und nicht unter den Tisch krabbeln müssen.

52 Zoll – ungefähr so wie bei den Freunden

„Schatz wir brauchen einen neuen Fernseher.“  Mein Mustermann kann die alte Röhre nicht mehr sehen. Die letzten Krimis haben allesamt einen leichten dunklen Streifen, alle andere Filme, Talkshows oder Dokumentationen auch. Das liegt also am Fernseher.

„Hach, dann bekommen wir auch endlich so einen schönen flachen Bildschirm. Super, mach mal“, sage ich.  Damit war das Thema für mich erst einmal erledigt. Bis mich der Kompagnon meines Mannes im Büro auf das bevorstehende Ereignis hinwies. Er klopfte an meine Tür und vollführte so etwas wie eine Pantomime. „Oh, was für eine schöne Abwechslung“, dachte ich, als der Mann mit weit ausgestreckten Armen und einem schweren Gang wie Quasimodo über den Flur humpelte und mich fragte. „Was ist das?“

Ich dachte sofort an das typische Bilderrätsel aus der WDR Sendung „Zimmer frei“ und riet munter drauf los. Tauziehen. „Nein“,  sagte der Geschäftspartner. „Das ist euer neuer Fernseher“.  Das machte mich dann doch nachdenklich. Mit einem Blick auf die Spannweite der Arme, die ungefähr der eines Riesenalbatros glichen, kamen mir dann doch erste Zweifel an der Größe des Gerätes.

Dazu muss man sagen, dass ich zwar gern fernschaue, aber ich nichts schlimmer finde als übergroße Geräte, die ganze Wohnzimmerfronten einnehmen. So was wollte ich auf keinen Fall. Wenn ich ins Kino will, dann gehe ich ins Kino, dafür muss ich mir mein schönes Wohnzimmer nicht verschandeln.  Mein Mann weiß das aber eigentlich. „Wie groß ist denn der Fernseher nun wirklich?“fragte ich dann nach der eleganten Vorführung des Freundes.

„Ach 52 Zoll, in etwa nur so groß wie der von den Freunden“, meint mein Mann.  „Schließlich werden wir ja älter, und sehen ja immer schlechter.“  „Du willst wahrscheinlich jede einzelne Rippe der Fußballsocken bei der Bundesliga am Wochenende erkennen“, denke ich insgeheim. Dann schimpfe ich mich gleichzeitig. Schließlich braucht der Mann ja auch mal seinen Spaß. Okay, dann kriegen wir nun eben auch so ein Monstrum.

„Also ist der wirklich nur so groß wie bei den Freunden?“ „Ja, sagte ich doch, ungefähr so“, murmelt er. „Und wie groß ist der von den Freunden“, fragte ich. „46 Zoll.“  „ Und das ist gleich groß?“ „Ja doch, so ähnlich“, heißt es nun aus seinem Mund.  Nun, irgendwie war ich dann wieder zufrieden. Der Fernsehen von den Freunden ist schon sehr groß, aber gut.

Am nächsten Morgen klingelt der Paketbote. Ich hole die Euros vom Tisch und freue mich nun doch auf den neuen Fernseher. Mein Mann hat den alten schon abgeräumt, den Receiver abgeklemmt und ich gerade noch den Staub vom Regal gewischt. Als ich freundlich grinsend die Tür aufreiße, kommt mir der Paketbote mit einem  Gabelstabler entgegen. Meine Augen werden immer größer. Mir fällt die Kinnlade runter. Darauf  steht ein schrankgroßes Paket.

Ich werde wütend. Ich werde immer wütender. Ich werde wütend bis zur Weißglut.  „Das Ding geht zurück“, ich muss mich zurück halten, um den Boten nicht anzuschreien.  Der wird klein mit Hut, obwohl er gar nichts dafür kann. „52 Zoll ist schon eine ordentliche Größe“, sagt er als ich den Zettel für den Rückschein ausfülle und dann wütend in das Büro meines Mannes abdampfe.   52 Zoll sind eben nur so ähnlich wie 46 Zoll – und nicht gleichgroß.

Supergau verhindert

So nun habe ich es geschafft, den Supergau konnte ich gerade noch verhindern und die angekündigte Kliniksprengung bleibt nun aus. Heute bin ich mit den korrekten Werten aus der Uniklinik entlassen worden. Die Schwester konnte das Gejammere wohl auch schon nicht mehr hören, außerdem wartete schon die nächste Patientin. Also im Großen und Ganzen habe ich die Therapie ganz gut hinbekommen . Von Mittwoch letzter Woche bis Dienstag, das ist bei der großen Menge radioaktiven Jods, die ich eingenommen  habe, schon eine gute Leistung.

Und tatsächlich ist das Unangenehmste wirklich nur die Isolation. Dafür bekommt man aber einen besonderen Service. Den Schwestern ist diese außergewöhnliche Situation sehr bewusst und sie sind alle sehr  zuvorkommend. Das war  wie eine Behandlung erster Klasse obwohl ich ganz normal versichert bin. Die Station in der nuklearmedizinischen Abteilung der Uniklinik Göttingen hat nur wenige Zimmer und bis zu 7 Betten.

Ein bisschen habe ich die Ruhe auch genossen und es ist ein irgenwie wie im Fasten. Man tritt in eine andere langsame Welt, kommt zu sich beim Lesen und horscht achtsam in sich hinein. So fühle ich mich ruhig und gut erholt. Hoffentlich wird mit der Schilddrüse nun alles gut. Die Zersetzung des Knotens ist ein langsamer Prozess, der bis zu einem halben Jahr dauert und dann werden wir sehen, ob das Ding dann einigermaßen normal arbeitet oder in eine Unterfunktion abdriftet. Dann muss ich regelmäßig das Schilddrüsenhormon als Medikament einnehmen. Aber vielleicht schafft das meine Drüse ja auch alleine, bei mir weiß man ja nie und ich hoffe. Jetzt muss ich noch ein bisschen zu Hause abstrahlen und dann geht es ganz normal weiter.

Dann sprenge ich das Klinikum

Nun bin ich bei Tag 5 mit meiner Therapie gelandet. Vorgestern ging es mir mal nicht so gut, die Drüse hatte sich entzündet und ich bekomme nun Cortison. Die erfreuliche Nebenwirkung, auch meine Rückenschmerzen sind verschwunden. Gerade hat mich die Schwester gemessen. 5,9 lautet der neue Wert. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Das sieht dann wohl eher so aus als würde ich doch erst Mittwoch entlassen. Gestern hatte ich mehr abgebaut und schon auf die Entlassung am Dienstag gehofft. Die aktuellen Werte sind unter den Patienten dann auch immer Tagesgespräch. Zur Erinnerung bei 3,5 Becquerel darf man die Station verlassen. Das Zeug baut sich jeden Tag teils individuell und je nach Krankheit ab.

Bei den Gesprächen auf dem Flur – abends haben wir ja ne Stunde Freigang – versucht man sich zu übertrumpfen. “ Ich habe nun schon 4,3 morgen darf ich nach Hause“, brüstet sich der Rentner , während er seine Füße, die in blauen Plastiktüten stecken, um nichts von der Radioaktivität auf dem Fußboden zu hinterlassen, stolz voreinander setzt. Die ältere Dame merkt an, dass die Ärztin sie lobte, weil sie das Zeug so schnell abbaut. Der ehemalige Postbeamte mault. “ Bei mir stockt es gerade, das Wochenende geht bestimmt noch drauf“, sagt er und schlappt mit gesenktem Haupt weiter. Konkurrenz und Wettbewerb hören selbst im Alter und im Krankenhaus nicht auf, denke ich.

Ich male mir aus was ich bei der nächsten Visite sage. Wenn der Professor wieder einen Witz mit mir macht wie vorgestern, als er scherzhaft sagte, ich sei schon bei 4 und ich dann doch erst noch ne 9 vor dem Komma hatte, dann fahr ich scharfe Geschütze auf.
„Lieber Herr Professor, wenn ich nicht bald hier rauskomme, befürchte ich das Schlimmste“, werde ich ihm sagen. „Es könnte sein, dass ich hier im abgeschirmten Keller mit einem lauten Knall explodiere und dann sprenge ich das gesamte Klinikum.“

Es ist ein bisschen wie im Knast

6. Oktober
Seit gestern bin ich in der nuklearmedizinischen Abteilung der Uniklinik in Göttingen zu „Gast“. Das trifft es nur bedingt, ich bekomme eine Radiojodtherapie, die meinem wuchernden Knoten in der Schilddrüse den Garaus machen soll. Nach der Untersuchung bekam ich eine Kapsel mit Radioaktivität versetztem Jod und das war im Prinzip die Therapie.

Nun sitze ich hier putzmunter auf 20 Quadratmetern und warte bis sich die Radioaktivität abgebaut hat, weil sifür mich heilsam für andere aber eher eine Gefahr ist. Das kann dauern. Angeblich muss ich neun Tage nahezu isoliert verbringen. Keine schöne Vorstellung. Das Zimmer ist groß man schaut vom Bett aus in den Garten, eine von Pflanzen umrankte Betonmauer. Hinter dem Bett steht eine Bleiwand, zum Schutz fürs Personal. Die Schwestern kommen und bringen die Mahlzeiten, halten sich auf zwei Meter Abstand. Ein kleiner Plausch hier und da, es bleibt nicht viel Zeit, auch sie müssen sich schützen und sind vorsichtig. Obwohl alle sehr nett sind und auch das Zimmer schön hell ist, fühle ich mich doch ein wenig eingesperrt. Ich kann den Raum nur zum Messen meiner radioaktiven  Werte verlassen. Der Höhepunkt für heute. Ich darf mit den anderen „Insassen“ mal eine kleine Runde in den Flur, um die Beine zu vertreten.
Abwechselnd lese ich, surfe im Netz ( leider funktioniert mein i-Pad nur sehr eingeschränkt) ) meditiere oder stelle den Fernseher an. Das ist alles ein bisschen hektisch und ich merke, wie ich das „Gefangensein“ kompensieren will, indem mir ständig etwas anderes einfällt und ich von ein Buch zum nächsten, einer Zeitschrift zur anderen, dem Laptop und wieder zum Kopfhörer greife.

So richtig kann ich mein „Retreat“ nun doch noch nicht genießen. Mal nichts machen, wie oft wünscht man sich das und dazu noch ohne schlechtes Gewissen, weil man gar keine andere Chance hat. Das klingt toll, ist aber gar nicht so einfach. Ich hoffe, dass ich mich  in den nächsten Tagen darauf noch weiter einlassen kann und meine „Meditation“  mehr wird  als das Gefühl ein bisschen im Knast zu sein.