Entzugserscheinungen

Heute kein Fußball

Eigentlich vermisse es ja nicht wirklich, ich meine das Fußballspiel heute Abend. Ich schaue ja nur die wirklich wichtigen Spiele. Das sind die unserer Jungs und die sind ja erst am Samstag wieder dran. Seit dem 4:1 gegen England brenne sogar ich auf die nächste Runde. Wohlgemerkt am Samstag. Ich lehne schon einmal kategorisch alle Termine ab, die mir irgendwie in die Quere kommen könnten.

Wir sind wieder dran. Die Freunde kommen zum Spiel und anschließendem Grillen zu uns. Gerade stürzt mein Mustermann (MM) kurz ins Haus und zieht sich eine Shorts an, auch im Büro ist es brüllend heiß. Nebenbei bemerkt er nur: Schade,  heute Abend ist ja gar kein Fußball.

Die  Titelseite der Zeitung ist voll damit. Zwei Tage WM Pause. Im Radio lief schon ein Special: Kann die WM süchtig machen? Ein Psychologe erklärte etwas zu Entzugserscheinungen.  Unruhe, Konzentrationsprobleme, alles Folgen wenn das Suchtmittel fehlt. Und das soll passieren, wenn es einmal zwei Tage kein Spiel zu schauen gibt? Ich bin sprachlos. Okay, etwas gestresst wirkte mein Mustermann eben, aber ich denke, es lag eher daran, dass er gerade einen kniffeligen Geschäftstermin hatte und heute schon 500 Kilometer über die Autobahn gerast ist.

Wir besprechen noch schnell den Abend. Um sieben müssen wir los. Carmen wird bei den Freilicht-Festspielen in der Nachbarstadt gegeben. Ich erinnere ihn daran. Irgendwie ist es total schwül und ich habe so gar keine Lust auf Kultur. Sich bei der Hitze aufhübschen und eng eingezwängt auf steifen Stühlen hocken, elend lang Musik lauschen, die kein Mensch versteht. Ich kann es mir nicht schön reden.

Ach komm, erst hast du keine Lust und hinterher ist es wieder grandios, kontert MM. Ich maule. Nee, heute ist das ganz bestimmt nicht so wie immer. Es wird immer schlimmer. Ich sehe mich schweißgebadet und vollkommen gelangweilt in den Reihen sitzen und verfluche gerade unseren Freund, der die Karten für uns alle besorgt hat. Warum macht der das jedes Jahr, werde ich langsam rasend. Ich will einmal nicht zu diesem Event, steigere ich mich hinein. Seit zehn Jahren jedes Jahr Festspiele, Carmen, West Side Story, Faust, mein Gott, ich habe mittlerweile die gesamte Weltliteratur und –musik auf der Bühne gesehen. Nein, heute passt es mir gar nicht.

Warum haben wir gerade für heute Abend Karten für die Festspiele in Bad Hersfeld, mache ich innerlich weiter?  Jetzt dämmert es endlich. Unser bester Freund arbeitet in der Kulturstadt und ist großer Fußballfan. Der kann jeden Spielzug aller WM Spiele seit 1954 kommentieren und weiß natürlich wann die Spiel- Pausen sind. Ich werde vollkommen unruhig und kann mich vor lauter Wut nicht konzentrieren. Ich wünsche mir gerade nichts sehnlicher als mit einem kalten Getränk vor dem Fernseher zu liegen und anzuschauen wie Brasilianer gegen Japaner bolzen oder Holländer gegen Argentinier.

Advertisements

1:0 in der 58. Minute

Wahrsagerin

Nun ist es ja nicht ganz so, dass ich Fußball konsequent ablehne. Mit der WM in Südafrika kommt auch bei mir das Sommermärchen von 2006 wieder hoch. Die Euphorie war damals groß, wir trafen uns mit Freunden, um die Spiele der Deutschen zu schauen. Nun wiederholen wir das auch bei dieser WM. Vuvuzela und der gelbe Helm meines Mustermanns sind natürlich dabei. Beim Spiel gegen Australien war ich ziemlich krank und habe nur die Hälfte mitbekommen, beim Spiel gegen Serbien waren wir in Freiburg in einer Eisdiele. Gestern dagegen war ich wieder fit und wir schauten bei Freunden.

Meine Präsenz ist nicht so ganz unwesentlich, weil ich  die Angewohnheit habe, die Spiele der Deutschen zu beeinflussen- positiv natürlich. Schon 1974 habe ich beim Endpiel  mitgeholfen. Als ich mit meinem weißen Klappfahrrad zum Zigarettenholen fuhr, betete ich für die Deutschen. Die schießen gleich ein Tor, redete ich mir im zarten Alter von 10 Jahren immer wieder gebetsmühlenartig ein. Und. Ich kam nach Hause und Gerd Müller bollerte das entscheidende 2:1 gegen die Niederlande ins Eckige. Ich freute mich riesig.

Meine wahrsagerischen Fähigkeiten konnte ich auch gestern wieder anwenden. Alle um mich herum maulten. Was für ein Spiel! Immer noch kein Tor! Da sagte ich kurz nach der Halbzeit. „In der 58. Minute schießen die Deutschen ein Tor!“ Und? Ich war grad draußen, da hörte ich. Tor, Tor, Tor!. Welche Minute war es, okay die 59.,  ein bisschen Spielraum sollte immer drin sein. Alle waren dann an mir dran: Mach das noch mal. Leider sah ich kein Tor mehr. Mal schauen, was ich am Sonntag gegen England so für unsere Jungs machen kann.

Von Krisen und Katastrophen

Katastrophismus ist  schwer in Mode

Es schneit, dann fällt der Regen nieder,

dann schneit es und regnet es und schneit,

dann regnet es die ganze Zeit,

dann schneit es und dann regnet´s wieder.

Diesen Vierzeiler von Ror Wolf zitierte der Schriftsteller Gerhard Henschel im  SWR „Literatur im Foyer“ am 12. Juni. Die Sendung beschäftigte sich mit dem Thema „Von Krisen und Katastrophen“ .  Armin Nassehi, Kathrin Röggla, Gerhard Henschel und Dietmar Dath unterhielten sich mit Moderatorin Felicitas von Lovenberg über Katastrophen, Klimawandel, Staatsverschuldung, Überalterung, Wirtschaftskrise und die Medienmache.

Einige Zitate aus der Runde:  „Ohne Krise macht das Leben keinen Spaß“    „ Katastrophismus ist in Deutschland schwer in Mode“, „Schweißen Krisen nicht auch zusammen?“, „Nicht blutrünstige Vernichter, sondern ganz normale Menschen machen die Krise“.  Eigentlich  sei  es wie bei oben zitierten Gedicht, sagte Gerhard Henschel zum Schluss.  Die Sendung ist ein interessanter Beitrag zur derzeitigen Situation aus Sicht der Intellektuellen.  Im Internet unter: http://www.swr.de/literatur-im-foyer/

Die Neuerscheinungen der Autoren:  Dietmar Dath: „Deutschland macht dicht“, Kathrin Röggla: „die alarmbereiten“, Gerhard Henschel: „Menetekel“, Armin Nassehi: „Mit dem Taxi durch die Gesellschaft“ (Quelle: Literatur-Foyer)

Makarapa

Warum werden Männer bei der Fußball-Weltmeisterschaft eigentlich zum Kind? Mein  Mustermann kommt mit einem Bauhelm auf dem Kopf nach Hause. Ich denke, oh gibt es jetzt ein Sondervorstellung zu  YMCA und freue mich  schon. Der Titel von den Village People gehört zu meinen Lieblingsfetenhits.

„Nee“, sagt er, „das ist der WM-Fanhut. Hast du das noch nicht mitbekommen?“ Was ist den ein WM-Hut, frage ich. „Das ist ein Makarapa“ sagt er, „das Symbol des südafrikanischen Fußballs, ein Muss zur WM. Es erinnert an die Arbeiter in den Goldminen Afrikas. Jeder trägt das zur WM. “ Er hat das Teil selbst gebastelt, aus der Firma einen Bauhelm genommen, ihn mit allerlei WM-Symbolen beklebt und zeigt  ihn nun  mit einem Grinsen. Dazu breitet er die Arme aus und dreht sich einmal um sich selbst. So stolziert er damit ins Wohnzimmer und stellt den Fernseher an.

Meine Zustimmung findet die Kopfbedeckung nicht gerade. Ich finde es schon ein bisschen komisch, wenn mein Mann Freitagnachmittag mit einem gelben Bauhelm voller Bildchen auf meinem schnieken Sofa sitzt, das TV-Gerät volle Pulle aufdreht und die nächsten zwei Stunden wie paralysiert auf den Bildschirm starrt.

Zum Glück habe ich im Moment eine schöne Sommergrippe und kann mich getrost mit einem guten Buch auf die Liege verziehen. Ich denke darüber nach, wie denn die nächsten vier Wochen so werden mit der Fußball – WM. Das war ja heute nur das Eröffnungsspiel, Deutschland hat noch nicht einmal gespielt, die sind ja erst am Sonntag dran.  Will der etwa alle Spiele verfolgen?

Ich sehe meinen Freizeitwert für den kommenden Monat deutlich sinken. Da haben wir nun  endlich Sommer. Na ja, den werde ich wahrscheinlich die nächsten Wochen allein auf der Terrasse verbringen, während mein Mann mit seinem gelben Helm unser Wohnzimmer verschönert. Ich könnte mir vielleicht dazu die CD von den Village People einlegen.

Traum oder Trauma

Technik, Technik, Technik

Wie  funktioniert das neue Faxgerät?  Ich lege gerade eine Rechnung für den Steuerberater an und will sie ihm gleich schicken. „Erst einziehen, dann von Kopie auf Fax umschalten und Nummer eingeben“, sagt der Kollege.  Bis ich das wieder drauf hab, denke ich nur. Jedes Gerät funktioniert anders, mit der Schrift nach unten, mal nach oben, mal muss es verdeckt in den Einzug gelegt werden. Stöhn. Es reicht mir wirklich manchmal. Der erste Versuch ist gleich ein ganzer Misserfolg, die kopierte Seite kommt als weißes Blatt wieder heraus. „Da stimmt was mit dem Fax nicht“, rufe ich. „Ach so, du hast auf Kopie gedrückt, erst musst du umschalten“, hallt es aus dem Büro hinter mir. Ich werde noch wahnsinnig und denke an den Drucker, den ich erst vor kurzem mit neuen Farbpatronen bestückt habe. Das kann ich mittlerweile. Das Gerät habe ich nun seit ein paar Jahren und kenne die Bestellnummer auswendig, nachdem ich einige Male die falschen Patronen mitbrachte und wieder zum Bürobedarf musste.

Da klingelt mein Handy, es funktioniert reibungslos, mit fliegenden Fingern tippe ich meine SMS hinein. Trick 17. Ich kaufe immer die gleiche Marke. So mache ich es auch bei meinem Fotoapparat. Jetzt habe ich eine neue Videokamera, leider ging das erste Video in die Hose, ich hatte den falschen Modus eingestellt. Das Programm zum Schneiden der Filme ist gar nicht so leicht, aber machbar, wenn man nette Kollegen hat, die helfen. Und es macht auch Spaß, wenn das fertige Produkt im Internet steht.

Genau wie der neue Flyer für die Maschinenfabrik, den mir die Druckerei gerade zugeschickt hat. Der ist ganz gut geworden. Wenn ich überlege wie viele Mausklicks ich dafür gebraucht habe, drei Programme muss ich dafür einigermaßen beherrschen. Ständig per e-mail die Korrekturen hin und herschicken, telefonieren, die Hindernisse der Internet-Druckerei überwinden….und, und , und… Da piepst das Fax. Die Sendung ist durch – endlich. Auch diese technische Hürde ist wieder einmal eine von vielen, die für diesen Tag geschafft ist. Jetzt geh ich nach Hause – ich muss noch die Waschmaschine anstellen.

Menamanie

Talent auf der Facebook-Bühne

Marlena Hajek

Alle sind in der Lenamanie nach dem grandiosen Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Grand Prix. Das erinnert mich an meine Menamanie. Sie ist eine der besten Freundinnen meiner Tochter und künstlerisches Multitalent.

Die Leidenschaft für Tanz, Musik und Kunst prägen ihr Leben und so folgt sie immer wieder ihren Impulsen, setzt sich mit der Gitarre vor die  Videokamera, nimmt sich beim Gitarre-Spielen und Singen auf, malt Bilder, macht wunderschöne Fotos  und zeigt das auf der Facebook-Bühne.

Sind wir nicht alle ein bisschen Frida?

Das Leiden und die Liebe

„Sie meinten, ich sei eine Surrealistin. Ich habe nie meine Träume gemalt, nur meine eigene Wirklichkeit“, sagte die mexikanische Malerin Frida Kahlo, als sie entdeckt wurde. Das lässt fast den Schluss zu, dass ihr Leben irgendwie unwirklich war.

Frida Kahlo

Schon fast absurd erscheint, was sie erlebte, wie sehr sie leiden musste und doch einen Weg für sich fand zum intensiven Leben. Als junge Erwachsene wurde sie von einer Straßenbahn angefahren, eine Stange durchbohrte ihren Körper. Da begann sie zu malen. Ein Leben lang litt sie unter den Folgen des Unfalls, dazu hatte sie ein Wirbelsäulenleiden und mit Folgen von Polio zu kämpfen. 21 Operationen durchlitt sie, war zeitweise ans Bett oder den Rollstuhl gefesselt, sie wurde nur 47 Jahre alt.

Das Leiden prägte ihr Leben, auch in der Beziehung zu dem Künstler Diego Rivera, mit dem sie eine große Liebe und viele Enttäuschungen durchmachte. Eine Scheidung und dann die Widerheirat. Alles hielt sie in ihren Bildern fest auch die Fehlgeburt. Sie malte auch im Krankenbett, ließ sich eigens eine Staffelei anfertigen.

So groß wie ihre Qualen, so groß war ihre Stärke und ihre  Kunst. In ihren Bildern steckt noch heute die  große Ausdruckskraft der Künstlerin für das Leiden und die Liebe. Sie lässt uns  die beiden zentralen Themen des Lebens spüren. Deshalb bietet sie eine große Projektionsfläche für nahezu jeden und man findet Teile von sich in ihr.

Sie intellektualisiert, doch  ihre Sprache ist die des Gefühls, wobei es der Symbolik, dem Szenario daher kommt.  In ihren vielen Selbstbildnissen scheint sie selbst fast entrückt, ein wenig distanziert. Das meist immer gleiche Gesicht in ihren Darstellungen  spiegelt nur selten ihr Befinden, nur ausnahmsweise fließen Tränen darauf. Als hätte sie eine  Distanz zu sich und so vielleicht auch die Kraft. Auch die oft starren Augen scheinen zu sagen, ich halte durch. Meist schauen sie schräg nach unten, weg vom Betrachter. Manchmal auch wissend durch ihn hindurch.

Frida Kahlo wurde 1907 in Coyoacan in Mexiko geboren. Sie zählt zu den großen Identifikationsfiguren der latein-amerikanischen Kunst. Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ragt sie als eine der berühmetesten Künstlerinnen heraus. Ihr ereignisreiches Leben, die Bekanntschaft mit vielen Berühmtheiten ihrer  Zeit lässt sich facettenreich darstellen. Frida Kahlo lebte von 1907 bis 1954. Sie starb im Alter von nur 47 Jahren. Ihr Vater hatte deutsche Wurzeln, die Mutter war Mexikanerin.  (Quelle: Faltblatt der Ausstellungsleitung)

Die  Ausstellung Retrospektive zeigt zurzeit das Leben und bedeutente Werke der Künstlerin Frida Kahlo im Martin Gropius Bau in Berlin bis zum 9. August.

Neben den Bildern und biografischen Schilderungen ergänzt eine Fotoschau aus dem Besitz der Familie und Freunden die Ausstellung. Ein Dokumentationsfilm komplettiert den Blick auf Frida Kahlos Leben . Faszinierend.

Hut ab

Respekt vor dem Vertrauen

Maximiliane Lata

Neulich am Berliner Künstlermarkt an der Straße  des 17. Juni habe ich mich in eine Mütze verliebt. Okay, ein bisschen half die Macherin der Hüte,  Maximiliane Lata mit. Zielsicher  setzte sie mir eine ihrer Kreationen auf das Haupt, rückte ihn etwas nach rechts und streifte mein Haar hinters Ohr. Der Blick in den Spiegel überzeugte mich, ich gefiel mir sofort. Meine Freundinnen um mich herum waren auch ganz entzückt. Nimm den, toll, so die Kommentare.  Mein Blick in den Geldbeutel ließ allerdings zu wünschen übrig, gähnende Leere nach einem Wochenende in Berlin.

Kartenzahlen gibt es bei den meisten Künstlern nicht und auch der nächste Automat ist meilenweit entfernt. Also sagte die gute Frau: „Wir schauen uns in die Augen, sagen Sie mir Ihren Namen und dann geb ich Ihnen meine Bankverbindung.  Sie nehmen den Hut mit und können mir das Geld morgen überweisen.“ Da war ich sprachlos. So etwas habe ich lange nicht erlebt. Dieses Vertrauen. Sie kennt weder mich noch meine Freundinnen, sie lebt in Berlin, ich in Nordhessen. Ich hätte der alles erzählen können. Unglaublich, dass es so etwas noch gibt.

Ich kann noch nicht einmal in meinem Edeka Laden um die Ecke anschreiben, obwohl ich da seit zwölf Jahren über den Daumen gepeilt 40.000 Euro gelassen habe, bestimmt als solvent gelte und immer bezahlt habe.  Das ärgert mich manchmal schon.

Deshalb, einmal mehr: Hut ab oder en francais Chapeau liebe Maximiliane

Außerderdem sind die handgefertigten Hüte und Mützen in vielen  Variationen natürlich total schön…..und die Verkaufstaktik vom maxim lata einmalig. Sie schwätzt einem keinen alten Hut auf, sondern berät individuell und kompetent.

Gut behütet