Land ist seine Leinwand

Landart Künstler Hans-Joachim Bauer – alles verändert sich



Mardorf. Alles verwandelt sich, nichts bleibt gleich: Darauf weist Dr. Hans-Joachim Bauer oft in seinen Kunstwerken hin. Auch er erfindet sich ständig neu. Vom Manager über den Berufschullehrer führte sein Weg zum Land-Art Künstler.

Er lebt mittlerweile in seinem Atelier, einem Fachwerksaal  im beschaulichen Mardorf. Am Rande des Dorfes liegt sein Kunstfeld. Darauf malt er seine Ideen, aber nicht mit Pinsel und Öl, sondern mit dem Pflug in den Acker oder mit Saatgut in die Erde. Relikte seines künstlerischen Schaffens sind um ihn herum im Atelier.  Blaue Äste, Baumstämme, Zeichnungen, die goldene Kuh, einst Kunst für den Hessischen Landtag, Zeitungsartikel säumen die Wände im Saal.
Dort entstehen auch seine Ideen.   Er sagt: „Ich wollte schon immer meine Kreativität ausleben und neue Systeme entwickeln, in denen ich lebe.“ Lange Zeit lebte er aber – wenigstens für den Betrachter- wie viele andere.

Die Kunst spielte bei Bauer erst mit Anfang 50 eine Rolle. Er habe bis dahin schon immer Einfälle gehabt, die mit Religion und Philospohie zu tun gehabt hätten, aber lange Zeit blieben die Ideen nur in seinem Kopf.
Das erste größere Werk war eine fotorgrafische Inszenierung über den Kreuzweg Jesus im Fitness-Studio. Damals  brachte er noch Berufsschülern Wirtschaft und Englisch bei. Paralell war er allerdings auch schon auf anderen geistigen Wegen unterwegs, studierte nebenbei Philosophie, Geschichte und Politik, promovierte auch  und schrieb die Erzählung die Bleiarche.

Eisprung zur Landart

„Den „Eisprung“ zur Landart hatte ich Anfang der Neunziger“, sagt er.  Ein Landwirt  aus dem Dorf brachte ihn darauf. „Warum schreiben sie nicht mal Gott auf den Acker“,  hatte er gefragt. Genau das tat  Bauer dann.  Gemeinsam mit dem Sohn des Bauern schufen sie ein Feldrelief mit diesem Wort.  Aus der Vogelperpektive gut zu sehen, erregte es viel Aufsehen und Bauer hatte einen weiteren Weg gefunden, sich auszudrücken.

Im Acker malt der Landwirt, Bauer trägt meist  den gedanklichen Teil des Prozesses. In der Landart habe er ein Mittel gefunden, das Innere nach außen zu stülpen und seine Vorstellung von der Welt anderen mitzuteilen, sagt er.

Das größte Landart-Projekt entstand 1998. Die Hasenjagd. Der Acker ist wieder seine Leinwand. An der Autobahn A7 bei Ostheim lässt er die Umrisse eines rennenden Hasen rechts und links neben der Fahrbahn als Erdrelief einbringen. Es scheint, als ginge die Fahrbahn mitten durch das Tier und soll ein Fingerzeig an die Zerstörung der Natur durch den Menschen sein.

Das Thema Mensch und Natur greift er öfters auf. Im vergangenen Winter reiste er nach Patagonien, um in einer Installation auf die Gletscherschmelze und den Klimawandel aufmerksam zu machen. Dafür stieg er ins kalte Gletscherwasser. 2005 stellten sich alle Mardörfer zu einem Dorfgesicht zusammen, formten Mund, Nase, Augen und Ohren – auch mit Traktoren und Landmaschinen. So weist er auf soziale Zusammenhänge hin.

Er bereiste viele Orte der Welt, hinterließ dort seine Kunst. Beispiele sind ein Tangoprojekt in Argentinien, eine Genperformance in Mexiko oder der Hieroglyphe Wasser in der Lybischen Wüste, dargestellt durch Menschen.

Titanic

Zum Hessentag in Homberg  blieb er mit seiner Kunst wieder im Dorf: Die Titanic wird im Mardörfer Feld entstehen. Eine Feldskulptur in der Landschaft soll den Mythos wieder aufleben lassen. „Die Titanic zeigt uns, dass die Vergänglichkeit überall ist, auch wenn wir Konstrukte schaffen, die scheinbar nicht untergehen können“, sagt er. Und da ist er wieder bei einem seiner zentralen Themen. Alles ist Veränderung.

Zur Person

Hans Joachim Bauer wurde am 19. Juni 1942 in Fritzlar geboren und wuchs in Homberg auf. Er absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre, holte das Abitur nach, studierte Volkswirtschaft und
Betriebswirtschaft und war als Manager tätig. Auslandsaufenthalte in Indien und Spanien folgten. Später sattelte er zum Berufsschullehrer um. Das zweite Studium folgte parallel zum Job:  Philosophie, Geschichte, Politik mit Promotion. Es folgen diverse Publikationen wie die Erzählung: Die Bleiarche. Ab 1992 wird er auch künstlerisch tätig, seit 1994  entdeckt er seine Ader für Landartprojekte. www.bauer-landart.de

(Quelle: HNA 29. Mai 2008 von Christine Thiery)

Mit Sinn gegen das Alter

Dr. Hans Joachim Bauer (67)  möchte solange aktiv bleiben, wie es geht. Ich habe Interesse an der Welt. Auch wenn ich alt bin – das hält mich jung“. Manchmal habe er das Gefühl vom Alter  angegriffen zu werden. Aber damit sei er nicht allein. Sein Mittel: Sinnhaft arbeiten.  ( Quelle: HNA vom 29. Mai 2008)

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4 Gedanken zu “Land ist seine Leinwand

  1. Da trifft man mitten in der Brachial-Provinz Menschen wie Hans-Joachim Bauer. Menschen, die Interesse an der Welt haben. Die sich aufmachen, um diese Welt zu sehen, sie mit zu gestalten, die aktiv und kreativ sind, um auf Klimawandel und Umweltschutz aufmerksam zu machen. Ich bringe Hans-Joachim Bauer großen Respekt entgegen. Für seinen Mut zu Wandel und zu Veränderung. Dieser Mut ist so groß, dass er mit seiner Landart Kunstwerke schafft, die nur wenige Wochen, Tage oder gar nur wenige Stunden existieren, bevor sie schmelzen, zuwachsen, zusammenfallen, von der Natur wieder verschluckt werden. Er schafft nichts für die Ewigkeit, braucht kein Museum, sondern nur ein Feld, einen Acker, einen See um für eine kurze Zeit Kunst zu schaffen, die viele aufmerken lässt. Das ist wohl die hohe Schule des Loslassens…

    Respekt auch Dir, Christine! Ich freu mich auf weitere Geschichten aus deinem Leben und unserer Heimat.

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