Notmütter

Heute war ich bei einer Notmutter. Die Frau hilft einer Zwillingsmutter seit fast zwei Jahren mit ihren beiden Frühchen. Die beiden Kinder sind mittlerweile zwei Jahre, eines der beiden Mädchen entwickelt sich langsamer, war bei der Geburt gerade mal 730 Gramm schwer. Sie ist in der Entwicklung ein halbes Jahr hinter der Schwester zurück, kann jetzt aber auch laufen und spricht die ersten Worte.  Die Große wog aber auch nur 1200 Gramm bei der Geburt. Unglaublich, was da die Medizin alles leistet. Jetzt springen beide Kinder im Wohnzimmer herum, tollen und toben. Der Weg bis dahin war schwer. Wenn man die  Mutter anschaut, wie sie erzählt, fühlt man die Geschichte mit.

Das kleinere Mädchen hat nur knapp überlebt, lag viel länger im Brutkasten als ihre Schwester und wurde bis letztes Jahr noch zu Hause rund um die Uhr mit Sauerstoff versorgt, die Wohnung  war eineinhalb Jahre verkabelt. Das Mädchen trug  immer eine Nasenbrille. Tag und Nacht kümmerten sich die Eltern, bangten und hofften. Jedes Mal wenn die Alarmglocke ging, rannten sie zum Bettchen und das war oft der Fall. Oft war es auch falscher Alarm.

Sie waren gefordert, körperlich und mental. Gut, dass es Notmütter gibt, die das ein Stück auffangen können. Das ist echte Hilfe vor Ort. Und geht unter die Haut. Einmal hing das Leben des Mädchens wieder am seidenen Faden, es wurde mit dem Hubschrauber in die Klinik gebracht, weil es blau angelaufen war. Unglaublich, was Menschen alles ertragen können, meine Hochachtung – auch für die Notmutter, die sich rührend um die Kinder kümmert, die ihr ans Herz wachsen.

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Lange Ohren

Das rote Bonbon am Ohr

Als Kind starrte ich immer fasziniert auf die Ohren meiner Oma. Sie trug gern Ohrringe. Goldene Blitzer baumelten an ihren Ohrläppchen, ich wollte alle ausprobieren und hielt sie mir vor dem Spiegel an. Nur hatte ich damals noch keine Löcher in den Ohren. Im Gegensatz zu heute wartete man damit oft bis in die Pubertät hinein. Kinder machten das nicht, das war verpönt in unserer Familie, vielleicht auch, weil es meinem Vater nicht gefiel. Er meinte, wenn man sie zu früh stechen lässt, hängen die Löcher später. Ich wollte aber so gern die blitzenden Dinger anziehen und drängelte. Allerdings mit einem leichten Zögern, beim Anblick der Ohren meiner Oma. Die goldenen Hänger zogen das Loch in die Länge, schräg nach unten hing es,  am Ring wackelte die dicke Perle hin und her. Für mich ein Sinnbild fürs Altern. Heute morgen schaue ich in den Spiegel auf mein Ohr, da wiegen sich bonbongroße rote Boller an einem Ohrloch, und es zieht sich schön in die Länge. Hallo Alter, ich komme. Oder habe ich mir die Löcher doch nur zu früh stechen lassen?

Krachbum

Mein Auto ist weg

Immer wieder mein Lieblingsthema: Es kommt alles anders……… Ein schöner Abend erwartet mich, vermute ich. Der Haushalt einer kleinen Gemeinde soll vorgestellt werden. Nicht Großes, wie überall bei uns müssen die Kommunen sparen. Das Geld ist knapp, die Wirtschaftskrise zeigt ihre Krallen. Als einziger Tagesordnungspunkt prangt der Etat fürs laufende Jahr auf der Tagesordnung. Da bin ich nach ner knappen Stunde wieder zu Hause. Denke ich aber nur. Die Sitzung ist schnell zu Ende, wie gesagt, die Gemeinde muss sparen. Und dann heim aufs Sofa.

Ich öffne die Autotür und will einsteigen. Von wegen. Eine Teilnehmerin der Sitzung schreit über den Platz. „Mein Auto ist geklaut“. Ich fühle mich verantwortlich, ein junges Mädchen, ich gehe zu ihr, frage was war, tröste sie. Das Auto ist tatsächlich verschwunden. Der reine Wahnsinn folgt. Nach  Tränen und Trösten, kommen wir auf die Idee die Polizei zu rufen, der Bürgermeister hat sich inzwischen auch dazu gesellt, will helfen. Die Polizei kommt, sie hatte das Auto schon gefunden. „Das hat einen Unfall gebaut“, sagt der Polizist. Wo waren sie in der Zeit von……?

Staunen, Entsetzen, die junge Frau weint, ist verzweifelt, ich tröste sie. Jetzt muss sie noch rechenschaft ablegen. Es regnet in Strömen. Wir sind klatschnass. Das Auto steht vor einer Mauer, 200 Meter den steilen Abhang der Straße hinunter. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Wir kombinieren. Der Gang hat sich gelöst, das Auto sich selbständig gemacht, rollte die Straße hinunter, fuhr über einen Zaun und prallte gegen die Hauswand. Das Mädchen ist entsetzt. Wir trösten wieder, es war sonst keinem was passiert. Es kübelt wie aus Eimern. Wir schauen auf das Auto, können in der Dunkelheit aber nicht viel erkennen. Dennoch. Der Schaden hält sich in Grenzen. Die Polizei, die Zeitung, der Bürgermeister und die junge Frau – alle sind erleichtert.

Aufs Sofa komme ich erst zwei Stunden nach Ende der Sitzung, es war eben mal wieder alles anders als geplant.

Land ist seine Leinwand

Landart Künstler Hans-Joachim Bauer – alles verändert sich



Mardorf. Alles verwandelt sich, nichts bleibt gleich: Darauf weist Dr. Hans-Joachim Bauer oft in seinen Kunstwerken hin. Auch er erfindet sich ständig neu. Vom Manager über den Berufschullehrer führte sein Weg zum Land-Art Künstler.

Er lebt mittlerweile in seinem Atelier, einem Fachwerksaal  im beschaulichen Mardorf. Am Rande des Dorfes liegt sein Kunstfeld. Darauf malt er seine Ideen, aber nicht mit Pinsel und Öl, sondern mit dem Pflug in den Acker oder mit Saatgut in die Erde. Relikte seines künstlerischen Schaffens sind um ihn herum im Atelier.  Blaue Äste, Baumstämme, Zeichnungen, die goldene Kuh, einst Kunst für den Hessischen Landtag, Zeitungsartikel säumen die Wände im Saal.
Dort entstehen auch seine Ideen.   Er sagt: „Ich wollte schon immer meine Kreativität ausleben und neue Systeme entwickeln, in denen ich lebe.“ Lange Zeit lebte er aber – wenigstens für den Betrachter- wie viele andere.

Die Kunst spielte bei Bauer erst mit Anfang 50 eine Rolle. Er habe bis dahin schon immer Einfälle gehabt, die mit Religion und Philospohie zu tun gehabt hätten, aber lange Zeit blieben die Ideen nur in seinem Kopf.
Das erste größere Werk war eine fotorgrafische Inszenierung über den Kreuzweg Jesus im Fitness-Studio. Damals  brachte er noch Berufsschülern Wirtschaft und Englisch bei. Paralell war er allerdings auch schon auf anderen geistigen Wegen unterwegs, studierte nebenbei Philosophie, Geschichte und Politik, promovierte auch  und schrieb die Erzählung die Bleiarche.

Eisprung zur Landart

„Den „Eisprung“ zur Landart hatte ich Anfang der Neunziger“, sagt er.  Ein Landwirt  aus dem Dorf brachte ihn darauf. „Warum schreiben sie nicht mal Gott auf den Acker“,  hatte er gefragt. Genau das tat  Bauer dann.  Gemeinsam mit dem Sohn des Bauern schufen sie ein Feldrelief mit diesem Wort.  Aus der Vogelperpektive gut zu sehen, erregte es viel Aufsehen und Bauer hatte einen weiteren Weg gefunden, sich auszudrücken.

Im Acker malt der Landwirt, Bauer trägt meist  den gedanklichen Teil des Prozesses. In der Landart habe er ein Mittel gefunden, das Innere nach außen zu stülpen und seine Vorstellung von der Welt anderen mitzuteilen, sagt er.

Das größte Landart-Projekt entstand 1998. Die Hasenjagd. Der Acker ist wieder seine Leinwand. An der Autobahn A7 bei Ostheim lässt er die Umrisse eines rennenden Hasen rechts und links neben der Fahrbahn als Erdrelief einbringen. Es scheint, als ginge die Fahrbahn mitten durch das Tier und soll ein Fingerzeig an die Zerstörung der Natur durch den Menschen sein.

Das Thema Mensch und Natur greift er öfters auf. Im vergangenen Winter reiste er nach Patagonien, um in einer Installation auf die Gletscherschmelze und den Klimawandel aufmerksam zu machen. Dafür stieg er ins kalte Gletscherwasser. 2005 stellten sich alle Mardörfer zu einem Dorfgesicht zusammen, formten Mund, Nase, Augen und Ohren – auch mit Traktoren und Landmaschinen. So weist er auf soziale Zusammenhänge hin.

Er bereiste viele Orte der Welt, hinterließ dort seine Kunst. Beispiele sind ein Tangoprojekt in Argentinien, eine Genperformance in Mexiko oder der Hieroglyphe Wasser in der Lybischen Wüste, dargestellt durch Menschen.

Titanic

Zum Hessentag in Homberg  blieb er mit seiner Kunst wieder im Dorf: Die Titanic wird im Mardörfer Feld entstehen. Eine Feldskulptur in der Landschaft soll den Mythos wieder aufleben lassen. „Die Titanic zeigt uns, dass die Vergänglichkeit überall ist, auch wenn wir Konstrukte schaffen, die scheinbar nicht untergehen können“, sagt er. Und da ist er wieder bei einem seiner zentralen Themen. Alles ist Veränderung.

Zur Person

Hans Joachim Bauer wurde am 19. Juni 1942 in Fritzlar geboren und wuchs in Homberg auf. Er absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre, holte das Abitur nach, studierte Volkswirtschaft und
Betriebswirtschaft und war als Manager tätig. Auslandsaufenthalte in Indien und Spanien folgten. Später sattelte er zum Berufsschullehrer um. Das zweite Studium folgte parallel zum Job:  Philosophie, Geschichte, Politik mit Promotion. Es folgen diverse Publikationen wie die Erzählung: Die Bleiarche. Ab 1992 wird er auch künstlerisch tätig, seit 1994  entdeckt er seine Ader für Landartprojekte. www.bauer-landart.de

(Quelle: HNA 29. Mai 2008 von Christine Thiery)

Mit Sinn gegen das Alter

Dr. Hans Joachim Bauer (67)  möchte solange aktiv bleiben, wie es geht. Ich habe Interesse an der Welt. Auch wenn ich alt bin – das hält mich jung“. Manchmal habe er das Gefühl vom Alter  angegriffen zu werden. Aber damit sei er nicht allein. Sein Mittel: Sinnhaft arbeiten.  ( Quelle: HNA vom 29. Mai 2008)

Das Karussell des Lebens

Durch den Wind von Annika Reich

Frauen haben heute alle Möglichkeiten – aber finden sie deshalb auch ins Glück? Annika Reich skizziert in ihrem Romandebüt „Durch den Wind“, das Leben von vier Frauen Mitte Dreißig im hippen Berlin.

Die Freundinnen gehen unterschiedliche Wege. Gemeinsam ist die Suche nach der Zukunft, eine große Sehnsucht nach dem Glück. Yoko will sich nicht festlegen. Die japanische Architektin, hat einen One-Night-Stand nach dem anderen und verdrängt so ihre Vergangenheit, den Tod ihres Vaters.  Siri kommt nicht damit klar, dass ihre Großeltern sich trennen und damit ihre innere feste Burg zerfällt. Gerade weil sie gar nicht so glücklich mit ihrem perfekten Mann und dem Sohn ist, und sich selbst nicht traut, daran was zu verändern.  Alison steht überhaupt nicht fest auf ihren Beinen, sie glaubt eine Doppelgängerin zu haben und dass der verschwundene Victor der Mann fürs Leben ist. Frederike wünscht sich ein Kind, leider von einem Mann, der sich überhaupt nicht entscheiden will.

„In dem Roman zeigt Annika Reich, dass sie eine sehr angenehm intellektuelle Seismographin  der heutigen Gesellschaft ist“, sagte der Literaturkritiker Dennis Scheck im Kulturzeitgespräch in 3 sat über das Buch. Es sei ein Roman über das Erwachsenwerden, so Scheck. Im Gegensatz zu früher tun sich die Menschen damit aber heute schwerer. Ursache dafür sind die vielen Möglichkeiten, die das Leben gerade Frauen bietet.

Früher war das Leben für Frauen festgelegt, es gab nur wenig Alternativen. Annika Reich beschreibt das Lebensgefühl einer Generation, die mitten ins Leben will.  Daher passt auch der Ort des Geschehens, Berlin Mitte, das Zentrum in der Hauptstadt und Sinnbild für das moderne Berlin, das moderne Deutschland, den modernen Menschen. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass das Buch nur von Frauen handelt. Sind sie es doch, die heute vieles entscheiden.  Bekommen sie Kinder oder machen Karriere, damit haben sie die Demografie in den letzten Jahren jedenfalls ganz schön durcheinander gewirbelt und bestimmen auch weiter durch ihr Verhalten maßgeblich und zentral mit,  wo es in den nächsten Jahren lang geht.

Für Annika Reich ist im Leben mit Mitte Dreißig vieles möglich und es deshalb schwierig in die Verantwortung zu gehen, sagte sie in ihrem Interview mit Oliver Preusche, als Video auf  www.youtube.com zu sehen. Bis dreißig sei noch alles drin, man könne noch von einem Zug auf  den anderen wechseln.  Das gehe theoretisch auch bis über die dreißig hinaus, dennoch gebe es eine Grenze. Irgendwann funktioniere das nicht mehr. Das Schicksal der Schicksalslosen verliere dann den Reiz, glaubt Reich.

„Irgendwann kann man das Glück nicht mehr durch Freiheit erfahren,  sondern durch Verbindlichkeiten, dadurch, dass man etwas schafft“, sagt sie.  Dennoch gebe es eine innere Zerrissenheit. „Jung sein, nicht erwachsen werden wollen, das ist hier in Berlin ziemlich stark verbreitet“, sagt sie. Selbst Mitte Dreißig sagt sie. „Ich habe das Glück, dass ich das Schreiben habe, was mich glücklich macht.“

Annika Reich wurde 1973 in München geboren, lebt heute in Berlin. Sie studierte  Ethnologie und Philosophie an der FU Berlin. Sie arbeitet als Lehrbeauftragte an Universitäten in Berlin, Hamburg, Freiburg und lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Außerdem ist sie seit 2009 als publizistische Mitarbeiterin bei der Malerin Katharina Grosse tätig. 2003 erschien die Erzählung „Teflon“. www.literaturport.de . „Durch den Wind“ erscheint im Hanser Verlag.

Klimawechsel

Tabuthema zum Losprusten

Da ist erst mal keiner heiß drauf: Die Wechseljahre sind fürs Fernsehen höchstens in Form einer Dokumentation vorzeigbar. Klinisch und nüchtern aufgemacht, mit Informationen gespickt, Grafiken und Animationen. Doch Doris Dörrie ist ein anderes Format gelungen, in den Folgen Klimawechsel. Satirisch und provokativ greift sie anhand von  fünf Frauen das Tabuthema auf, malt es mit viel überspitztem Humor bunt an und schon kann man sich den ansonsten unangenehmen Folgen der hormonellen Veränderung nähern.

Zum Losprusten komisch überzeichnet das ZDF das Leben der Fünfzigerinnen im prallen Wechsel. Vier Lehrerinnen und eine Gynäkologin kämpfen gegen den Verlust der Attraktivität. Kurz vor dem Klimakterium bekommt Kunstlehrerin Desiree (Andrea Sawatzki) noch ein Kind und ist sichtlich überfordert damit. Sie, die sich eigentlich voll und ganz der Kunst verschrieben hat, muss sich mit Wickeln und Stillen rumschlagen.

Schließlich schreit sie die Schüler an: „Wer nicht für die Kunst leben will, verlässt den Raum“. Nun sitzt sie allein da, so allein wie sie auch der Kindsvater eigentlich lässt. Er will, dass sie stillt bis das Kind ein Jahr ist, sie muss als Lehrerin Geld verdienen und hat keine Zeit mehr für sich. Er dagegen lässt es als Yogalehrer nach dem Hormon Yoga krachen besonders mit der Gynägologin Dr. Bach (Maren Kroymann), die so richtig bitterböse ihrer Nebenbuhlerin, der attraktiven Mathelehrerin  Beate Busch (Ulrike Kriener), sogar die Vagina bei einer Straffung zunäht, um sich wieder ins Rennen zu bringen.

Leiser kommt die behäbige Angelika Arndt (Maria Happel) daher. Sie schwimmt jede Nacht in ihrem Bett, Hitzewallungen, kämpft mit der Gewichtszunahme und dem deswegen ewig an ihr herum meckernden Gatten Kurt (Horst Kotterba). Letzlich  flüchtet sie sich in den Derwisch Tanz und will zum Islam konvertieren.

Abhauen kann vor den Wechseljahren aber auch nicht die schüchterne und sensible Biologielehrerin Cornelia Koch (Juliane Köhler)  nicht. Sie schlägt ihre Panikattacken erst mit Putzanfällen und lässt sich später auf eine Affäre  mit einem Schüler ein, von dem sie schließlich sogar schwanger wird.

Schön überzeichnet? Der Kampf gegen den Wechsel gewinnt an Fahrt, mit jeder Folge werden die Charaktere extremer, die Geschichten überdrehen, bis sie sich selbst so stark karikiert haben, dass man meinen können, eine Klimakatastrophe und nicht nur ein Wechsel kündige sich an. Da will man wissen, wie es weiter geht und wird ganz heiß auf die nächsten Folgen.

Klimawechsel: ZDF 4. 5.und 6.  Folge, Donnerstag 15. April, 22. April, 29. April jeweils 21 Uhr

Endlich Ostern und Querfeldein Nordic Walking

Ob ich ein Osterfeuer fotografieren will. Ach eigentlich nein, die letzten Tage waren ungeheuer anstrengend, denke ich und sage aber. Okay, ich bin ja zu Hause. Die Aufforderung kam dann doch nicht. Die Kamera lag fünf Tage in der Tasche, der Block kuschelte sich dicht an sie heran. Gemeinsam ruhten sie sich aus von der Arbeit der letzten beiden Wochen. Der Block hat eh bald ausgedient. Randvoll ist er beschrieben, vielleicht sind noch ein paar Seiten frei. Wenn die voll sind, wandert er erst einmal ein paar Monate auf den Schreibtisch, vielleicht kann er noch einmal als Beweismittel her halten.  Nach einiger Zeit spaziert  er ins Altpapier wird zerstoßen und zermalmt und mit ihm die Informationen. Gerade solche, die nicht den Weg in die Zeitung geschafft haben, weil sie unwichtig sind oder schlicht zu langweilig, zu gewagt oder nicht erzählt werden sollen, weil es der Interviewpartner ausdrücklich untersagt hat.

So wichtig war aber eigentlich nichts die letzten Tage. Eine Reportage übers Nordic Walking ist eher informativ. Ich wandere seit Jahren selbst durch den Wald, fast täglich im Sommer und bin deshalb für den Job bestens geeignet.   Das Treffen im Stadtwald hieß für mich. Ich laufe eine Stunde in großer Ausrüstung , zwei Stöcken, Kamera und Block um den Hals baumelnd mit drei Frauen durch den Wald. Dabei stelle ich der Trainerin Fragen rund ums Walken, die Gesundheit, die Schrittlänge, den Wellness-Faktor. Ich mutiere zum Multitalent: Ich stöckel, ich schreibe, ich fotografiere, frage und bringe es schon mal im Kopf in Artikelform.  Beim Nordic Walking heißt es, man nutzt 90 Prozent seiner Muskeln. Ich hatte mit Sicherheit die 100 Prozent erreicht.

Als wäre das noch nicht genug: Dazu kamen die Folgen von  Sturm Xynthia. Wir kämpften uns über umgefallene Bäume durch den Wald. Aus der ruhigen geplanten 5 Kilometer Runde wurde nichts. Wir schlugen uns am Waldrand vorbei wieder zurück zum Treffpunkt – von Nordic Walking konnte man bestenfalls auf den ersten beiden Kilometern reden. Für den Eindruck reichte es. Für den Artikel auch. Und der Humor kam auch nicht zu kurz- vier kichernde Frauen probieren eine neue Sportart aus „Querfeldein Nordic Walking „. Da hat man sich Ostern aber echt verdient.